Yiquan Yangsheng: Gesundheitspflege

Wang Xiangzhai: Yangsheng zhuang
Wang Xiangzhai: Yangsheng zhuang

Bedeutung von zhanzhuang

Zhan-zhuang (站樁) bedeutet Stehen wie ein Pfahl; oder auch Stehen um die Basis zu errichten. Letzteres trifft eigentlich den Sinn des Ausdruckes besser als die allgemein übliche Übersetzung. Denn Sinn und Zweck des Stehens ist nicht zu Stehen wie ein Pfahl, sondern um sich in den Grundlagen der Gesundheitspflege und der Kampfkunst zu üben. Pfahl ist hier im Sinne von Grundpfeiler eines Gebäudes zu verstehen, die dem ganzen Gebäude Stabilität und Struktur geben.

Stehen hat im Yiquan aber eine wesentlich weitere Bedeutung als nur das Stehen auf zwei Beinen. Es bezeichnet im weitesten Sinne das Üben und Arbeiten in einer relativ ruhigen Position. Das kann im Liegen, Sitzen, Stehen oder auch Gehen sein. Der Einfachheit halber spreche ich im folgenden einfach nur vom Stehen, oder zhanzhuang.

Das Stehen und die Gesundheitspflege in der Tradition des Yiquan

Das Stehen kommt ursprünglich aus der Tradition der Kampfkunst und wurde dort stets als wertvolles Geheimnis gehütet. Es bildete den Kern des Trainings zur Bildung von Kraft, Geschwindigkeit und technischen Fähigkeiten. Wang Xiangzhai war wohl der erste der diese wunderbare Methode der Öffentlichkeit zugänglich machte und damit auch unzähligen Menschen mit gesundheitlichen Problemen geholfen hat. 

 

Wang Xiangzhai unterrichtete Yiquan zunächst hauptsächlich als Kampfkunst.  Zur Gesundheitspflege nur nebenher.  Erst mit der Befreiung Chinas durch die Kommunisten 1949 wurde das Ausüben von Kampfkünsten in den folgenden Jahren sukzessive immer weiter verboten. Daraufhin wurde Yiquan in der Öffentlichkeit nur noch zur Gesundheitspflege unterrichtet. Wang Xiangzhai wurde unter anderem auch von verschiedenen Krankenhäusern eingeladen dort in der Therapie und Rehabilitation das Stehen zu unterrichten und zu erforschen. Vor allem bei chronischen Krankheiten und in der Rehabilitation nach schweren Krankheiten oder Verletzungen hatte diese Methode sehr großen Erfolg. 

In über 50 Jahren der Praxis und des Unterrichtens entwickelte Wang Xiangzhai das Yiquan so immer mehr zu einer einzigartigen Methode der Gesundheitspflege, des körperlichen Trainings und der Therapie bzw. Rehabilitation,  die ganz auf den Prinzipien der Natürlichkeit aufbauen.  Egal ob Sitzen, Gehen, Stehen oder Liegen, das "Stehen" kann man zu jeder Gelegenheit und in jeder körperlichen Verfassung üben. Die Methode ist einfach und für jedermann sofort zu erlernen. Die Wirkung kann jeder schon nach dem ersten Training spüren.

 

You Pengxi und Yu Yongnian waren zwei bekannte Schüler von Wang Xiangzhai, die studierte Ärzte waren.

You Pengxi (1902-1983) machte seinen Doktor an der Universität Heidelberg und wurde in China zu einem bekannten Hautarzt. Nach der Kulturrevolution Ende der 70er jahre wanderte er mit seiner Frau nach Amerika aus und wirkte dort in einem sehr breiten Kreis. Bekannte Schüler von ihm sind unter anderen Fong Ha, Jan Diepersloot (Warrior of Stillness), Henry Look und Jane Hallender. Wie wir aus Beschreibungen von Yang Shaogeng wissen, war er nicht nur sehr guter Arzt und Lehrer für Yiquan Yangsheng, sondern auch ein sehr guter Kampfkünstler.

 

Yu Yongnian (1920-2013) blieb in China und widmete sich ganz dem Studium der Wirkung des Stehens auf die Gesundheit und den Einsatz des Stehens in der Therapie, bzw. zur Rehabilitation nach schweren Krankheiten. Er verfasste zu diesem Thema auch Studien die in der VR China veröffentlicht sind.

Yiquan und die Wirkung des Stehens

Fließendes Wasser fault nicht und Türangeln werden nicht wurmstichig --- Wer rastet der rostet.

 

Diese Volksweisheiten und Sprichwörter bringen eigentlich die Wirkung des Stehens auf die Gesundheit sehr klar zum Ausdruck. Die Übung des Stehens ist erstmal tatsächlich nichts anderes als eine ganz normale sportliche Betätigung.

 

Nun mag man sich vielleicht fragen, was das ruhige Stehen mit Bewegung und nicht einrosten zu tun hat? Auf den ersten Blick scheint es ja eher genau das Gegenteil zu sein.

Warum ist es eine ganz normale sportliche Betätigung? Was ist nun das besondere an der sportlichen Betätigung des Yiquan im Gegensatz zu anderen sportlichen Aktivitäten?

 

Aus Sicht des Yiquan und der traditionellen chinesischen Medizin, ist eine gesunde und normale sportliche Betätigung etwas, das Körper und Geist des Menschen in gleicher Weise fördert und trainiert. So können sich alle Funktionen des Körpers gleichmäßig entwickeln, die Körperstruktur verändert sich, natürliche Fähigkeiten werden gestärkt und man entwickelt einen klaren Geist in einem kräftigen Körper. 

Unnormale sportliche Betätigung ist aus der Sicht des Yiquan etwas, das den Körper nur einseitig trainiert, ihn über seine Grenzen hinaus erschöpft und beansprucht und dabei das Training des Bewusstseins in Beziehung zum Körper mesitens fast ganz auf der Strecke bleibt. Hat man seinen Zenit sportlicher Leistung überschritten führt es oft zu einer beschleunigten Degeneration körperlicher und geistiger Fähigkeiten. 

 

Das Training des Yiquan entwickelt also Körper und Geist in gleichem Masse. Das eine bedingt das andere.

Die Methode

Zunächst einmal ist das Stehen und Halten einer Stellung an sich schon eine körperlich recht Anspruchsvolle Betätigung.  Je nach dem ob im Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen, oder je nach dem wie die Handhaltung ist, kann es selbst für einen jungen, kräftigen Menschen mit Dauer der Zeit zu einer Herausforderung werden. 

Sinn und Zweck der Übung ist nun aber nicht ein mechanisches Haltetraining. Das würde den Geist des Yiquan total verfehlen. Sondern indem man sich entsprechende sinnvolle Ideen zur Hilfe nimmt (jingshen jiajie, yinian youdao), beginnt man sich in einem lebendigen Prozess mit seinem Körper und den Kräften in und um einen herum auseinanderzusetzen. 

 

Das reine Halten einer Stellung würde auf Dauer dazu führen, dass sich die Muskeln im Körper immer mehr zusammenziehen und steif werden. Durch die Arbeit mit einer sinnvollen Idee versucht man aber dieser Tendenz auf entspannte Weise entgegen zu wirken. In diesem lebendigen Gegensatz versucht man nun immer mehr in ein entspanntes Fließgleichgewicht zu kommen. Das führt dazu, dass die Muskeln des gesamten Körpers in einen natürlichen, lebendigen Prozess des sich Zusammenziehens und Entspannens kommen und darin trainiert werden.

Der Geist (die Wahrnehmung, bzw. das Bewusstsein) bekommt eine einfache Aufgabe und kann so aus dem Hamsterrad des Alltags aussteigen. So wie man z.B. auch beim Joggen gut abschalten kann weil man körperlich gefordert ist, ist es auch beim Training des Yiquans, nur mit dem Unterschied, dass man sich auf bewusste und entspannte Weise mit seinem Körper beschäftigt. Es ist sozusagen eine Kombination einer Art "autogenem Training" und von sportlicher Betätigung.

 

Nun gibt es im Yiquan eine Vielzahl von Ideen mit denen man während des Stehens (oder Liegens, Sitzens, Gehens) arbeiten kann. Wichtig dabei ist nur, Sinn und Zweck der Idee zu verstehen. Mann will vermeiden, dass Körper und Wahrnehmung sich voneinander Lösen (ich wälze Probleme der Arbeit während sich mein Körper immer mehr verspannt und steif wird, da ich ihn vor lauter Kopfarbeit nicht mehr wahrnehmen kann).

Das andere Extrem, was es auch zu vermeiden gilt, ist zu sehr mit künstlichen Vorstellungen zu arbeiten die nicht den Grundsätzen der Natürlichkeit entsprechen. So gibt es im Yiquan keine speziellen Atemtechniken. Man konzentriert sich auch nicht auf irgendein Dantien (Elixierfeld (in etwa wie Chakras im Yoga): z.B. drittes Auge, Herz oder Nabelregion) oder isoliert auf eine bestimmte Stelle des Körpers. Man ist immer bestrebt den Körper als Ganzes wahrzunehmen. Selbst wenn man eine Art bodyscanning durchführt um sich den Körper bewusst zu machen, so ist Sinn und Zweck davon nicht einzelne Stellen zu bearbeiten, sondern letztendlich zu lernen dadurch den Körper als Gesamtes wahrzunehmen. Die Regeneration an sich wird dabei der eigenen Körperintelligenz überlassen. Man schafft vor allem die Vorraussetzungen dafür.

 

Die Arbeit mit Ideen ist dabei eine zentrale Methode des Yiquan. Mit Ideen sind bestimmte Gefühle im Körper verbunden, zu denen jeder einen unmittelbaren Zugang hat.  Diese Ideen, Gefühle, lösen eine bestimmte Reaktion im Körper aus, die man wiederum wahrnehmen kann und so damit auf entspannte und natürliche Weise arbeiten kann. Körper und Geist befinden sich also in einem ständigen Dialog und im Laufe der Zeit wird dieses Zusammenspiel immer weiter verfeinert.

So kann man z.B. Anfangs mit der Idee arbeiten, dass warmes Wasser, wie beim Duschen, ganz langsam vom Scheitel über und durch den ganzen Körper fliesst. Wichtig ist, dass man sich dabei nicht zu sehr von physikalischen Gesetzmässigkeiten ablenken lässt (z.B. Fliessgeschwindigkeit des Wassers), sondern einfach nur diese Idee als Anhaltspunkt, als Gefühl, nimmt und auf ganz natürliche Weise damit arbeitet. Dabei kann man eine Art bodyscanning machen, oder auch versuchen das Gefühl im ganzen Körper, wie beim Duschen, gleichzeitig als Ganzes wahrzunehmen.

Wirkung

So lernt man langsam seinen ganzen Körper von Kopf bis Fuss kennen; nimmt Verspannungen wahr und lernt diese langsam auf natürliche Weise wieder zu lösen; bekommt ein Gefühl dafür im Lot zu sein und Körper und Geist werden zu einer Einheit; der Blutfluss wird angeregt und versorgt so den ganzen Körper bis in die Extremitäten hinein mit frischem Blut; die Stoffwechselfunktion wird angeregt; das Denken kommt zur Ruhe und man wird sich zunehmend der Funktion seines ganzen Körpers bewusst.

 

Hier hat das Training des Yiquan auch eine sehr zentrale Bedeutung in Bezug auf die Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Menschen. Denn in dem Maße wie man lernt zur Ruhe zu kommen und ein Gefühl für seinen Körper entwickelt, in dem Maße beginnen sich auch die autonom-vegetativen Körpervorgänge (wie z.B. Blutdruck- und Pulsregulierung, Körpertemperatur sowie die Regulierung des unwillkürlichen Muskeltonus) die durch das zentrale Nervensystem gesteuert werden, wieder zu ordnen und zu regulieren.  Das Stehen ist also eine Methode, um dem Körper in den Zustand zu versetzen, sich wider selbst zu regenerieren. Aus dem Gleichgewicht gekommene Funktionen können sich wieder ordnen und normal arbeitende Funktionen werden so gestärkt. 

Yiquan ist ein lebendiges System

Yiquan ist ein lebendiges System und passt sich stets den Bedürfnissen und Vorraussetzungen des Einzelnen an. Es gibt aber eine Reihe grundlegender Ideen die in sich ein wohl strukturiertes System bilden.

Je nach Mensch, Bedürfnis und Problemen können die Ideen aber auch angepasst und ausgetauscht werden. Im Prinzip kommt es aber immer auf die Bedürfnisse und Vorraussetzungen des Lernenden an. Ideen zu denen man keinen Bezug hat würden auch keinen Sinn machen.

Je mehr das Zusammenspiel von Körper und Geist wieder zu einem natürlichen Zustand zurückfindet, desto mehr treten die Ideen dann auch in den Hintergrund und weichen immer mehr einer entspannten, reinen Wahrnehmung von Körper, Atem und seiner Umgebung. Im Yiquan gibt es dazu einen Satz: "Erst die Idee welche keine Idee mehr ist, ist die wahre Idee." 

 

Für den Beginn ist die Arbeit mit Ideen jedoch sehr Hilfreich und Sinnvoll, da Körper und Geist noch nicht aufeinander eingespielt sind und die meisten Menschen sich schwer tun aus dem Hamsterrad der alltäglichen Gedanken und Probleme auszusteigen.