Yiquan als Kampfkunst

Wang Xiangzhai
Wang Xiangzhai

Für die Kampfkunst ist die hier erwähnte weiche Grundspannung im ganzen Körper nun von essentieller Grundlage. Sie wird ausgearbeitet zu einer immer feiner ausgesteuerten Ganzkörperkraft. So als ob der Körper als ein Muskelstrang funktionieren würde. Kraft wird quasi bruchfrei über alle Gelenke im Körper übertragen. Alles arbeitet als ein Ganzes zusammen. Stück für Stück werden dann in den verschiedenen Grundbewegungen verschiedene Kraftqualitäten trainiert, welche dann direkt am Partner einer ständigen Überprüfung und Verfeinerung unterzogen werden.

Yiquan bewahrt sich daher immer den direkten Kontakt zur Realität und trainiert vor allem stets zielorientiert.

Ist Yiquan ein neuer Kampfkunststil?

Yiquan ist eigentlich kein spezifischer oder neuer  Stil. Yiquan kennt auch keine Bereiche, die nicht trainiert werden könnten oder sollten. 

 

Es ist immer die Frage: Was will ich? Was brauche ich? Was ist Sinnvoll? Entsprechend wird das Training strukturiert und angepasst. 

Yiquan arbeitet dabei immer mit denselben Trainingsmethoden, passt sie aber stets den verschiedenen Ansprüchen an (durch Ideen bestimmte Qualitäten im Körper hervorzurufen). 

Für die Vorbereitung auf einen Boxkampf würde man ganz anders trainieren als auf einen MMA Kampf; in das Aikido liesse sich Yiquan wieder ganz anders integrieren als in das Boxen etc.. Der Stil des Yiquan würde sich dadurch entsprechend ändern. 

Die Qualitäten, die Kraftqualitäten, mit denen die Bewegungen ausgeführt werden bleiben jedoch stets dieselben!! Von daher drückt sich Yiquan, und im Idealfall eigentlich Kampfkunst an sich, immer wieder neu durch einen jeweiligen Menschen aus und ist daher essentiell Stilfrei. Meistens unterwerfen sich Praktizierende aber lieber tradierten Bewegungen und suchen diese im Laufe der Zeit langsam mit Qualität und Sinn zu erfüllen.

 

Von daher kennt das Yiquan auch keine kategorischen Vorstellungen wie, dass man keine hohen Tritte macht oder keinen Bodenkampf trainiert. Es ist vielmehr die Frage: Was brauche ich? Was will ich? Entsprechendes wird dann trainiert.

Für die meisten stellt sich jedoch das Problem, dass man gar nicht die Zeit hat alles im Detail auszutrainieren. Von daher ergeben sich meistens wieder effektive Spezialisierungen wie ‚keine hohen Tritte‘ und ‚Bodenkampf vermeiden‘, d.h., eine Auseinandersetzung möglichst im ersten Kontakt sofort zu beenden, oder es am besten gar nicht zu einer Gewalteskalation kommen zu lassen (das ist übrigens die Bedeutung des chinesischen Zeichens für Kampf: Speer - stoppen. Sprich Kampfhandlungen zu unterbinden)

Ist Yiquan eine Innere oder Äussere Kampfkunst?

Über die Bedeutung des Bewusstseins für Bewegungsoptimierung

In China kam schon recht früh der Begriff "Innere Kampfkunst" auf. Es ist leider ein sehr unglücklicher Begriff, der zwar einerseits durchaus seine Berechtigung hat, andererseits aber auch oft missverstanden und einseitig ausgelegt bzw. missbraucht wurde. 

 

Kampfkunst ist ersteinmal nichts anderes als Bewegung. Jede Bewegung läuft mehr oder weniger bewusst oder unbewusst ab. So gibt es eigentlich keine Grenze wo man sagen kann ab hier ist es Innere Kampfkunst (innere Bewegung) und ab da ist es äussere Kampfkunst (äussere Bewegung). Innen und Aussen bedingen sich immer Gegenseitig und sind nicht voneinander zu trennen. Im Prinzip ist alles ein Vorgang vom groben zum feinen; vom seichten zum tiefen. Es ist einfach eine Frage wie weit jemand diesen Prozess vorantreibt. 

So könnte man im Vergleich von verschiedenen praktizierenden Kampfkünstlern zwar schon sagen, wer mehr „innerlich“ oder wer mehr „äußerlich“ ist, letztendlich schafft so etwas aber nur mehr Verwirrung als dass es hilft Dinge zu klären. Es ist letztendlich einfach eine Frage wie bewusst ich mein Bewusstsein, meine Wahrnehmung, in der Trainingsmethodik einsetze um Körperprozesse zu optimieren. Oder überlasse ich mehr oder weniger alles dem unbewussten Gefühl, d.h., im Extremfall einfach nur durch mechanische Wiederholung eine Leistungssteigerung zu erwirken. In der Realität sind die Übergänge aber fliessend. 

 

Dennoch, der Bereich des Bewusstseins zur Trainingsoptimierung wird immer mehr erkannt und erforscht. Das Potential hierin ist sehr groß. Yiquan kann hier auf eine lange Tradition und einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken und kann gerade heute in den verschiedensten Bereichen von großer Bereicherung sein. Vielleicht kann es sogar ein Potential bieten, was bisher so noch gar nicht ausgeschöpft wurde.

Sancai: die drei Keime: Himmel - Erde - Mensch

Das Yiquan kennt drei Bereiche die im Training mit einbezogen werden. Diese drei Bereiche beziehen sich auf den Begriff sancai (三才) der traditionellen chinesischen Weltanschauung.

 

San bedeutet drei und cai steht für Keim oder Sproß --- ein Gewächs welches sich aus dem Saamen entfaltet und die gerade die Erdoberfläche durchbrochen hat. 

Auf den Menschen bezogen sind es die drei Bereiche Himmel - Erde - Mensch, mit dem Menschen als Zentrum zwischen Himmel und Erde. 

 

Der Himmel wird dabei oft mit dem Bewusstsein des Menschen und der "offenen Weite" in Verbindung gebracht, während die Erde das materielle ist, der Körper und die Erde auf dem der Mensch steht. Der Mensch lebt in den Kräften von Himmel und Erde und sie wirken auf den Menschen. Zu lernen mit ihnen umzugehen bedeutet in Harmonie mit Himmel und Erde zu kommen und eins mit dem Dao, der Schöpfungsordnung, zu sein. Himmel und Erde werden auch als großer Kosmos, da zhoutian (大周天), bezeichnet.

 

Der Mensch wiederum ist ein kleiner Kosmos für sich und wird als xiao zhoutian (小周天) bezeichnet.

Die Sicht des Menschen im Yiquan

Sanbao (三寶): die drei Kostbarkeiten.

Der Mensch als kleiner Kosmos drückt sch traditionell durch die drei Kräfte, bzw die drei Kostbarkeiten  jing-qi-shen (精氣神) aus. Die drei Kostbarkeiten beziehen sich ausschließlich auf den Menschen. Jing ist die Essenz der Materie und bezeichnet das substantielle; qi ist der Atem und steht damit synonym für die Lebenskraft, das belebende Prinzip im Mensch; shen ist das was sich im Raum ausbreitet und bezeichnet das Bewusstsein des Menschen, welches durch die 5 Sinne im Kontakt mit Himmel und Erde steht. Soweit die traditionelle Sichtweise der drei Kostbarkeiten.

 

In der Kampfkunst, d.h. im Yiquan kennt man auch drei Kräfte, die eigentlich nichts anderes sind als eine konkrete Übertragung der traditionellen drei Kostbarkeiten auf die Kampfkunst. Das sind yi-qi-li (意氣力): yi ist die Stimme des Herzens und bedeutet sinnvolle/bewusste Idee, Absicht; qi ist konkret auf die Kampfkunst bezogen erstmal der Atem, über den der Krafteinsatz verfeinert und optimiert wird; li ist die Kraft die durch den Körper fühlbar zum Ausdruck kommt. Jedoch ist yi und qi im Prinzip nichts anderes als li. Anders herum gesagt ist li auch wieder nichts anderes als qi und yi.  Alle drei zusammen gilt es gleichmässig zu entwickeln und gut aufeinander Abzustimmen. So erst kann der Mensch sein Potential entfalten.

 

Wenn die drei Kostbarkeiten, bzw die drei Kräfte, gut mit Himmel und Erde koordiniert sind, dann erst entfaltet der Mensch sein volles Potential. Darum geht es im Training des Yiquan: die Vereinigung von Himmel Erde und Mensch.

5 Grundkräfte; 5 Kraftqualitäten

Das Yiquan kennt 5 Grundkräfte.

Man sollte jedoch vermeiden, diese 5 Grundkräfte mit den 5 Wandlungsphasen der TCM und den 5 Formen des Xingyiquan zur vermischen. 

 

Diese 5 Grundkräfte sind:

Lange Kraft: findet seine klassische Anwendung im Pushhands oder im Ringen. Charakterisiert vor allem durch „folgen“ oder „kontrolieren“. Sie ist unter den 5 Kräften die Basiskraft und die am besten zu trainierende Kraft.

Abrupte Kraft: plötzlicher Tempowechsel, der zu einem Schockeffekt führt oder auch rammende Kräfte. Schwerer als lange Kräfte zu trainieren.

Durchgezogener Schlag (pi): hat die Qualität wie ein Hammerschlag oder Axthieb. Vergleichbar mit der Rückhand im Boxen. Ist unter den drei kurzen Kräften vergleichsweise langsam und lang, hat aber das höchste Zerstörungspotential. Klassischer Ko-Schlag. Unter den drei kurzen Kräften der am schnellsten zu lernende Schlag.

Stechender Schlag: „…sting like a bee“ (M. Ali) Hat die Qualität einer Peitsche. Ist sehr schnell und kann überraschend aus allen Möglichen Winkeln geschlagen werden. Vergleichbar mit dem Jab im Boxen. Gut ausgeführt ist es auch ein Ko-Schlag. Relativ schwer zu trainieren.

Direkte Gerade: wie das vibrieren einer Bogensehne. Der schnellste und direkteste Schlag. Wird in der Regel nur gerade auf die Zentrumslinie geschlagen. Stellt die höchsten Anforderungen an Körperkoordination und Mentalität dar.

 

Egal ob Ringen, Grappling, Boxen, Thaiboxen, MMA, Judo, Karate, Aikido, Taiji, Bagua, Xingyi etc., alle Techniken durch die sich die Kampfkünste charakterisieren lassen, lassen sich letztendlich auf diese 5 Grundkräfte zurückführen. In welcher Form ich diese Kräfte technisch austrainiere ist dann eine andere Frage und hängt von der persönlichen Zielsetzung ab.

Yiquan hat klassisch 7 Trainingsereiche

  1.  Zhangzhuang: Stehen
  2. Shili: experimentieren mit Kraft
  3. Mocabu: Reibeschritt
  4. Shisheng: Experimentieren mit der Stimme
  5. Fali: Kraft entladen
  6. Tuishou: Schiebende Hände
  7. Shizuo: Konkrete Anwendung/Sparring.

 zu 1.: zhanzhuang: wörtlich übersetzt „Stehen wie ein Pfahl“. Pfahl ist in diesem Kontext aber als Grundpfeiler zu verstehen und bedeutet Basis. Das Stehen ist also das Grundlagentraining des Yiquan. Es ist wie ein Labor wo erst einmal unter einfachsten und geschützten Bedingungen experimentiert werden kann. Im Prinzip eine Form von Shili unter einfachsten, reduzierten Bedingungen.

zu 2.: Shili: experimentieren mit Kraft: hier wird das unter einfachsten Bedingungen gewonnene neue Gefühl in immer komplexere Bewegungen ausgebaut. Ist im Prinzip aber auch nichts anderes als zhanzhuang in größerer Bewegung.

zu 3.: Mocabu ist Shili der Beine.

zu 4.: Shisheng ist Shili mit dem Atem und der Stimme.

zu 5.: Ist das konkrete Experimentieren mit den 5 Kräften in ihrer Anwendung. Fali, die Kraft entladen, ist nicht nur auf kurze Kräfte, bzw das Schlagen bezogen, sondern auf alle 5 Kräfte.

zu 6.: Tuishou: Schiebende Hände, Pushhands. Wird oft als Übergang zum Sparring definiert. Das ist ist nur bedingt richtig. Denn was den Kampf angeht gibt es drei Distanzen: Auf Distanz; Kontakt und Bodenkampf. Tuishou in letzter Konsequenz ist nichts anderes als Nahkampftraining. 

zu 7.: Alles erlernte wird konkret am Partner oder mit fremden Leuten ausgetestet. Der Begriff umfasst sowohl das freundlich gesinnte Training, kann aber auch den echten Kampf bedeuten.

 

Im Prinzip lassen sich aber alle 7 Punkte auf Zhanzhuang und Shili reduzieren: Schritttraining ist nichts anderes als mit der Kraft der Beine zu experimentieren; die Wirkung von Atem und Stimme ist auch nichts anderes als eine etwas subtilere Form mit Kraft zu experimentieren; Kraft zu entladen ist das konkrete Ergebnis und die Fortsetzung von Experimentieren mit der Kraft; Schiebende Hände ist mit der Kraft des Gegenüber zu experimentieren und Sparring ist nichts anderes als in kompletter Freiheit auf jeder Ebene mit den verschiedenen Formen von Kraft in der direkten Anwendung zu experimentieren.  

Zhanzhuang wiederum ist aber nichts anderes als Shili: denn im Stehen versuchen wir in relativer Ruhe erstmal jegliche Form von komplexer Bewegung auf das einfachste zu reduzieren um so unter bewusster Wahrnehmung mit allen Sinnen wieder ein Gefühl für Qualität von Bewegung aufzubauen. Das Stehen ist sozusagen wie ein Labor, das uns die Vorraussetzungen schafft wieder ein Gefühl für ganzheitliche, qualitativ hochwertige und sinnvolle Körperbewegung bzw. Körperaussteuerung zu entwickeln. Körper und Bewusstsein arbeiten dabei durch Zuhilfenahme bestimmter Ideen auf’s Engste miteinander zusammen. Hat sich erstmal wieder ein Gefühl für qualitativ hochwertige und sinnvolle Bewegung im Bewusstsein etabliert, strebt man danach dieses Gefühl immer mehr zu verfeinern und in den verschiedensten Bereichen auszutrainieren. Das könnte man dann als Shili, als experimentieren mit der Kraft bezeichnen. 

 

Sind die Prototypen der Kräfte soweit entwickelt kann man sie dann im ersten Einsatz testen. Das wäre dann sozusagen das Tuishou und Sparring. Wenn sich alles bewährt hat und man eine gewisse Sicherheit in allem bekommen hat, dann kann man sich der Realität aussetzen und darin immer weiter wachsen. Letztendlich ist das Training aber etwas sehr lebendiges und wird sich immer auf verschiedenen Eben gleichzeitig abspielen.

 

Es ist wichtig zu verstehen, dass das Training etwas lebendiges ist. So wie jeder Mensch einzigartig ist, so ist das Training für jeden Menschen auch etwas ganz eigenes. Jeder bringt andere Vorraussetzungen mit und hat andere Bedürfnisse und Erwartungen. 

Im Yiquan wird meistens sehr viel wert auf das Stehen gelegt. Manche zieht das Stehen sehr an, viele tun sich damit aber auch sehr schwer. Es wäre gegen das Prinzip der Freiheit umd Natürlichkeit des Yiquan etwas machen zu müssen nur weil es der "Stil" sozusagen so fordert. Im Yiquan ist es eigentlich genau nicht so. Die Zielsetzung muss klar sein und dann kann man sich überlegen mit was für Methoden und Ideen man sich dem Ziel am besten nähern kann. Im Prozess ändert sich dann meistens nochmal sehr viel dabei und man muss immer wieder aufs Neue auf die Probleme eingehen. 

 

Yiquan ist etwas Lebendiges. Idealerweise sollten 10 verschiedene Leute 10 verschiedene "Stile" machen. Und doch sollte irgendwo derselbe Geist durchschimmern.