Was bedeutet Yiquan

Wang Xiangzhai
Wang Xiangzhai

Bedeutung der Zeichen Xin, Yi und Quan

 

Nach langem Überlegen wie ich das Zeichen für Yi in die deutsche Sprache übertragen soll, bin ich im deutschen auf die zwei Begriffe "Idee" und "Sinn" gestossen, die eigentlich das Bedeutungsspektrum von Yi im chinesischen sehr treffend wiedergeben.

Im Etymologischen Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer) steht über die Bedeutung von Idee u.a.: Urbild, Gedanke, Erscheinung; sehen, erblicken, zu erfahren suchen; Absicht; geistige, gedankliche Vorstellung, Gedanke; nur vorgestellt, gedacht, nicht wirklich.

 

Das Zusammenspiel von Xin und Yi

Im chinesischen setzt sich das Zeichen für Yi aus zwei Teilen zusammen. Unten ist das Zeichen für Herz (心) und darüber das Zeichen für Ton/Klang (音): Yi (意) ist also die Stimme (Inhalt, Bedeutungsträger), die aus dem Herzen aufsteigt.

Es bezeichnet also das "Sinnen" des Herzens im wahrsten Sinne des Wortes: das Herz ist das Bewusstsein; es ist wie ein Feld; das Sinnen des Herzens ist Yi und durch die Sinne kommt das Sinnen zum Ausdruck. Gleichzeitig wird alles wahrgenommene (sinnhaft erfasste) durch die Sinne vom Herzen wahrgenommen, verarbeitet und verstanden (sinngemäß verarbeitet).

Das Herz als Bewusstsein ist die Gesamtheit der Sinne; durch die Sinnesorgane kommt das Sinnen des Herzens, Yi, zum Ausdruck.

 

Das Yiquan ist aus dem Xing-yi-quan hervorgegangen, welches sich wiederum aus dem Xin-yi-quan entwickelte. Ursprünglich war bei Xinyi noch die Wichtigkeit von Bewusstsein und Idee/Sinn im Namen betont. Bei Xingyi wird es ein bisschen schwierig, weil Xing eigentlich nicht als Form/Körper verstanden werden sollte (es wird heute aber fälschlicher Weise durchweg als Form-Geist-Boxen übersetzt) sondern als Verb gelesen werden sollte. Die korrekte Übersetzung wäre somit: Sinn/Idee (Yi), die durch die Faust/Form (Quan) zum Ausdruck gebracht wird (xing).

 

Quan

Quan bedeutet Faust. Im weiteren Sinne hier das wodurch sich Yi manifestiert. Im engeren Sinne beinhaltet es das ganze handwerkliche Repertoire was für den Kampf gebraucht wird: körperlich, technisch, sowie psychologisch und "spirituell" in dem Sinne, dass auch die Ebene Himmel und Erde mit einbezogen wird.

 

Der Sinn von etwas (z.B. Wasser) wird also über die Sinne wahrgenommen und kann vom Herzen so zu einer Idee von etwas geformt werden. Die Idee von Dingen wird dann wiederum als Trainingsmethode verwendet um im Körper (Faust) bestimmte Qualitäten zu entwickeln.

 

Das Herz sammelt also über die Sinne und die ganzen Sinneseindrücke Erfahrungen und verarbeitet diese zu Ideen von etwas (einem inneren Verständnis, innerer Wahrnehmung). Dieses Erfahrungswissen und Verständnis kann wiederum zu einer Idee geformt werden und als Trainingsmethode eingesetzt werden. Hat man z.B. noch nie Wasser gespürt und erlebt, so kann man auch keine Idee von Wasser haben. Dann macht das Wort Wasser keinen Sinn für einen, weil man keine Erfahrung, keinen Sinn damit verbinden kann (man kann keinen Sinn damit verbinden, weil man es noch nie über die Sinne wahrgenommen hat). Man sieht hier sehr schön, wie „inneres“ und „äusseres“ gar nicht voneinander getrennt werden kann.

 

Nun ist es aber wichtig zu verstehen und zu beachten, dass die Ideen die zum Training herangezogen werden, nicht mit den entsprechenden physikalischen Elementen vermischt werden dürfen. Das konkrete Element ist immer von seinen physikalischen Eigenschaften her begrenzt, während die Idee frei ist und kreativ als Instrument herangezogen werden kann um bestimmte Qualitäten und Gefühle im Körper zu evozieren, zu trainieren und zum Ausdruck zu bringen. Eine Idee kann also alle physikalischen Gesetze ausser Kraft setzen, während das Element Wasser an sich immer an seine physikalischen Grenzen gebunden ist.

 

So ist z.B. ist das Stehen im Wasser eine zentrale Übung auf allen Ebenen des Yiquan-Trainings. Man ist vollkommen im Wasser eingetaucht, ohne dabei zu ertrinken. Wenn man nun mit der Vorstellung Wasser arbeitet, muss man also erst eine klare Idee von einer bestimmten Qualität dieses Bildes das man verwendet bekommen. Hat man dann eine Idee von z.B. der Weichheit und Verbundenheit von Wasser bekommen, kann man nun versuchen mit diesem Bild im Herzen (心 xin) die entsprechenden Qualitäten mit dem Körper umzusetzen. Das ist was Wang Xiangzhai als Körperwahrnehmung/Körperverständnis (体认 tiren) bezeichnet: Qualitäten, die der Körper in der Lage ist zu verstehen und umzusetzen.

Dieser Prozess des Verstehens und Umsetzens mit dem Körper durch Ideen ist der Inhalt des Yiquan-Trainings. Dass man in Realität ertrinken würde wenn man vollkommen von Wasser umschlossen ist, ist also völlig unwesentlich hier und darf einen nicht stören. Der Prozess des Trainings ist somit ein stetiger Prozess von einer eher abstrakten Idee, durch ein sich einlassen in seinen Körper und tägliches Üben mit allen Sinnen, hin zu einem echten Körperverständnis. Im Yiquan sagt man: "Vom Abstrakten zum Konkreten:"

Kann man z.B. die Weichheit und Verbundenheit der Idee Wassers ganz konkret durch seinen Körper zum Ausdruck bringen (Xing-yi-quan), dann wird diese Fähigkeit wieder ganz natürlich und die Idee tritt immer mehr in den Hintergrund. Die Arbeit mit Ideen ist also wie ein Floß, dass einem hilft an das andere Ufer eines neuen Körperverständnisses zu gelangen. Einmal am anderen Ufer angelangt kann man dass Floß, d.h. die Idee, ruhig zurücklassen.

Ziel des Yiquan ist es also natürliche Fähigkeiten zu entwickeln, aber durch systematische Zuhilfenahme von Ideen das Potential unseres Körpers immer weiter zu entwickeln.