Über Formen und Protoformen aus Sicht des Yiquan

Wang Xiangzhai: Pause beim Training
Wang Xiangzhai: Pause beim Training

 „Be like water my friend“

(Bruce Lee)

 

Ob Bruce Lee das Yiquan kannte und Kontakt dazu hatte wissen wir nicht. Möglich wäre es gewesen, da Han Xingyuan schon 1949 nach Hongkong ging und seit den 60er Jahren dort offiziell Yiquan unterrichtete. Obwohl es Gerüchte gibt, sollten wir wie bei allem was die Gerüchteküche fabriziert uns dabei auf keine Diskussion einlassen. Denn letztendlich sind es nur Gerüchte und es macht keinen Sinn hier der Geschichte etwas aufzuzwingen wofür es keine Belege, noch nicht einmal Geschichten gibt. 

 

Der Grund warum ich Bruce Lee hier anführe ist ganz einfach. Denn das, was für ihn der Geist der Kampfkünste ist, ist eigentlich genau das was Yiquan im Wesen ausmacht: Formlosigkeit — und daher die Möglichkeit zu allen Formen. Es ist eigentlich ein ganz altes Prinzip — und doch waren Wang Xiangzhai und Bruce Lee ihrer Zeit voraus.

 

Wang Xiangzhai hat das Wesen der Kampfkunst mit einem Zitat aus den Sprüchen von Konfuzius folgendermassen beschrieben: „quanquan fuying“ (拳拳服膺). Das bedeutet: „Etwas fest in seinem Herzen (Brust) tragen (ist Kampfkunst).“

 

Konkret bedeutet das, dass man nicht durch das Training von Kraft, Formen und Techniken eine Kampfkunst beherrscht, sondern es ist Wesen und Ziel der Kampfkunst, sich durch bewusstes und sinnvolles Training  wieder bestimmte Fähigkeiten zur zweiten Natur zu machen. Im Herzen bedeutet, dass es nicht etwas rohes, wild-natürliches ist, sondern es ist eine natürliche Fähigkeit, die bewusst kultiviert wird.

 

Formlosigkeit bedeutet aber nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil! 

Die Natur ist dem Menschen vorgegeben. Nur wenn man es versteht sich im Rahmen der Gesetze der Natur zu kultivieren ist etwas nachhaltig. Ansonsten läuft man Gefahr sich im Laufe der Zeit selbst zu schädigen.

In der traditionellen Kampfkunst Chinas sind drei Grundkräfte postuliert, in denen der Mensch lebt und die es zu kultivieren gilt. Das sind die  natürlichen Kräfte von Himmel, Erde und Mensch(sancai 三才: die drei Keime). Dieser Prozess ist ein ständiges sowohl hinzuhören und offen zu sein, als auch ein aktives sich Formen. Dadurch drückt sich das Dao in der Kampfkunst aus. (vgl. wuwei im Daoismus ist nicht Tatenlosigkeit, sondern ein aktives sich einbringen in die vorgegebene Schöpfungsordnung — das Dao)

 

Der Mensch spürt seine eigenen Kräfte ständig in Wechselwirkung mit der Schwerkraft, bzw. was hier als Erde verstanden wird. Das Training ist nun ein ständiger lebendiger Prozess zu lernen seine eigenen Kräfte immer weiter so zu kultivieren, dass man nicht mehr gegen die Schwerkraft arbeitet, sondern immer mehr lernt diese Kräfte sinnvoll für sich nutzbar zu machen. Wir haben also einmal die mechanischen Kräfte von Erde und Mensch die zusammenwirken. Der Schnittpunkt Himmel - Mensch wäre nun das Bewusstsein und der Raum um einen, welchen man lernt aktiv in sein Training zu integrieren um die Kräfte Erde - Mensch noch optimaler für sich nutzen zu können.

Das ganze spielt sich von Anfang an in den natürlichen Bewegungen ab die ein Mensch machen kann. Egal ob jung oder alt; krank oder Gesund: jeder kann sofort dort anfangen wo er steht und muss sich nicht erst einem langen Prozess unterwerfen lange und komplizierte Bewegungsfolgen auswendig zu lernen, um überhaupt erstmal anfangen zu können mit etwas zu arbeiten. 

 

Gerade weil Yiquan danach strebt sich Form in der Formlosigkeit zu erarbeiten, ist es für jeden Übenden ein äusserst kreativer Prozess des Lernens, bei dem am Schluss mehr oder weniger entsprechend seiner Zielsetzung und seines Charakters ein ganz eigener Ausdruck steht. 

 

Wie Bruce Lee sagte: „Be water my friend.“  

Das Training des Yiquan ist wie Wasser (und tatsächlich ist Wasser eine zentrale Idee im Training). Nur weil es weich und offen ist, kann es zu allem werden. In hoher Geschwindigkeit und Masse kann es auch enorme zerstörerische Kräfte entwickeln. 

 

Nun ist es nicht so, dass Yiquan sich komplett vor Techniken verschliesst. Jedoch würde man keine Techniken auswendiglernen und repetitiv wiederholen, sondern man macht sich im Laufe der Zeit natürlich strategische Gedanken zum Kampf und auch über die zunehmende Erfahrung bildet sich auf ganz natürlichem Wege ein „Arsenal“ an Techniken welche sich einfach bewähren weil sie Sinn machen. Aber der Spiess ist ganz klar umgedreht. Man würde keine Technikdrills machen mit der Idee so etwas dann im Kampf versuchen anzuwenden.

Das Hauptaugenmerk liegt darauf, natürliche Fähigkeiten zu entwickeln, die in jeder Situation abrufbar sind, weil sie einem zur zweiten Natur geworden sind.