Wang Xiangzhai
Wang Xiangzhai

Wang Xiangzhai und die Entstehung des Yiquan

 

Wang Xiangzhai hatte noch den anderen Namen Nibao, nannte sich selbst auch Yuseng (Mönch des Kosmos) und im Alter dann Maodun Laoren (Alter Mann der Gegensätze). 

Über das Geburtsjahr gibt es Unklarheiten. Manche geben es als 1885 an manche als 1890. Sein Er verstarb in Tianjin im Juli 1963. 

Das Problem mit seinem Geburtsjahr taucht auf, da Wang 1908 nach Beijing und dort keine zunächst keine geeignete Arbeit finden konnte. Er meldete sich dort zum Militärdienst. Da er nicht sehr groß gewachsen war und noch eher jung aussah, gab er sich als 5 Jahre älter aus. Dazu kommt noch, dass eine gewisse Hackordnung und Respekt immer am Alter gemessen wird. Wie es wirklich war ist schwer zu sagen. 

Unter den ersten Schülern von Wang Xiangzhai war einer der wichtigsten Qi Zhidu. Qi Zhidu genoss eine sehr gute schulische Ausbildung und war in den Kampfkünsten Xingyi, Bagua und Taiji sehr bewandert, widmete sich dann aber ganz dem Studium des Yiquan und wurde in wenigen Jahren einer der wichtigsten Schüler Wang Xiangzhais. Durch seine gute Bildung war er in der Lage das gelernte bei Wang zu reflektieren und systematisch niederzuschreiben. Das Manuskript mit dem Namen  Quanxue Xinbian -- Neue Darstellungen über die Kampfkünste wurde aber nie offiziell aufgelegt, sondern zirkulierte nur als abgeschriebene Kopien unter den Schülern. Über die Jahre bis heute kam es so unvermeidlich zu Fehlern und Vermischungen eigener Anmerkungen mit dem Haupttext. Yang Shaogeng (Schüler von Wang Xiangzhai und Zeitgenosse von Qi Zhidu, Lehrer von meinem Lehrer) machte sich die Arbeit die verschiedenen Fassungen zu sichten und zu korrigieren. In seinem Buch ist im Anhang eine relativ gute Fassung dieses Manuskripts zu finden. Qi Zhidu wurde leider 1947 von der Guomindang umgebracht. Wie und wo er ums Leben kam ist unbekannt.

1929 wurde der erste offizielle Vollkontakt Wettkampf der noch jungen Republik China in Hangzhou durchgeführt. Wang Xiangzhai war als Ehrenschiedsrichter  eingeladen. Da es praktisch noch keine Erfahrung mit der Organisation eines Wettkampfes von solchem Ausmass gab war alles ziemlich chaotisch und die Regeln wurden von Tag zu Tag immer wieder angepasst. In der Runde der letzten acht wurde der Wettkampf dann abgebrochen und alle acht Teilnehmer wurden als Sieger geehrt. Darunter waren Zhao Enqing (Daoxin) und Zhang Changxin, welche nach dem Wettkampf Schüler von Wang wurden und begannen Yiquan zu lernen. Zhao Enqing war ein Schüler aus dem engsten Kreis um Zhang Zhankui (Zhaodong), Schüler von Guo Yunshen und somit ein älterer Gongfu Bruder von Wang Xiangzhai. Zhao Enqing hatte sehr gute Grundlagen in Xingyi und Bagua und lernte sehr schnell die Grundprinzipien des Yiquan und im speziellen des Schlagens. Wang Xiangzhai hielt große Stücke auf Zhao und gab ihm deshalb den Namen Daoxin (Weg-Neu: wahrscheinlich in Anlehnung an den Klassiker Daxue, Die große Wissenschaft, und bedeutet „der immer Neue Weg“/„das immer Neue Dao“). Ein weiterer Schüler Zhang Zhaodongs, Qiu Zhihe, begann auch nach dem Wettkampf bei Wang Xiangzhai Yiquan zu lernen. Auch Zhang Changxin wurde nach dem Wettkampf ein Schüler Wang Xiangzhais. Diese 3 stellten die zweite Reihe Schüler des Yiquan dar und wurden später selbst zu bekannten Lehrern. 

 

 

Wang Xiangzhai, Jia Yungao; Qian Shuotang
Wang Xiangzhai, Jia Yungao; Qian Shuotang

Gleich darauf im Januar 1930 fand ein weiterer Wettkampf in Shanghai statt zu dem Wang Xiangzhai auch eingeladen war. Dort traf er auf einen älteren Gongfu Bruder Qian Shuotang, Schüler von Guo Yunshen. Als er merkte, dass Wang Xiangzhai das Handwerk in ganzer Breite von Guo Yunshen gemeistert hatte, drückte er seine Anerkennung durch ein Gedicht aus welches er ihm schenkte: „Die Mauer des Meisters ist 1000 Klafter hoch. Doch mein werter Freund trat ein in sein Haus und ging bis hinein in die inneren Gemächer“. Qian Shuotng vermittelte dann die dritte Reihe Schüler an Wang Xiangzhai. Das waren unter anderen You Pengxi, Wang Shuhe und Ning Dazhuang. You Pengxi graduierte 1926 mit einem Doktor der Medizin von einer deutschen Universität und einer von zwei berühmten Hautärzten damals in China. You Pengxi hatte neben Xingyi und Taiji auch Boxen trainiert und galt als sehr klug und talentiert. Er verband später das Training des Yiquan mit dem Training des tibetischen Buddhismus, welchem er sich auch zuwandte und etablierte 1948 die Idee des kongjin und gilt als Begründer davon. 1979 wanderte er nach Amerika, San Francisco, aus und verstarb 1983. Seine Frau Ouyang Min unterrichte das Erbe ihres Mannes noch weit bis ins hohe Alter hinein. Es existieren Aufnahmen von ihr aus einer japanischen TV Sendung aus dem Jahre 1993. 

Anfang der 30er Jahre kamen nach und nach Han Xingqiao und Han Xingyuan, Bu Enfu, Zhang Entong und Zhao Zuoyao um Yiquan zu lernen. Die Han Brüder hatten einen Hintergrund in Xingyi, Bu Enfu kam aus dem Ringen und Boxen und Zhang Entong war auch ein guter Ringer. 1935 ging Wang Xiangzhai zusammen mit diesen Schülern zurück in sein Heimatdorf um sich intensiv um deren Ausbildung zu kümmern, auch mit dem Ziel an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Aufgrund politischer Unruhen 1937 musste das Training aber unterbrochen werden und es kam zu keiner Teilnahme an internationalen Wettkämpfen. Als dann die Widerstandskämpfe gegen die japanische Besatzung ausbrachen ging Wang im Herbst 1937 zurück nach Beijing und bemühte sich weiter um die Verbreitung des Yiquan. 

In dieser Zeit kam unter anderen Hong Xuru (Lianshun) zu Wang Xiangzhai um sich mit ihm über die Kampfkünste auszutauschen. In einem freundschaftlichen Duell hatte er dreimal hintereinander klar da Nachsehen. Daraufhin bat er Wang um Unterweisung und brachte später auch seinen engsten Schüler, Yao Zongxun, mit zu Wang um offiziell Schüler zu werden. 

 

 

Yao Zongxun
Yao Zongxun

Yao Zongxun war damals Student der chinesischen Sprache und Literatur an der Chinesischen Universität von Beijing. Unter seinem Einfluss kamen auch einige seiner Mitschüler und Freunde von anderen Universitäten in Beijing zum Yiquanunterricht. Yao Zongxun war sportlich sehr begabt und hatte eine Leidenschaft für die Kampfkünste. In der Mittelschule war er ein guter Basketballer und trainierte später Mittel- und Langstrecke in der Leichtathletik. Von daher brachte er sehr gute physische Vorraussetzungen mit sich. Durch beständiges und hartes Training wurde er innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Schüler Wang Xiangzhais. 

1940 machte Wu Peiqi, ein Schüler Che Yizhais in zweiter Generation eine Annonce in einer Zeitung (Xinminbao) von Beijing und behauptete der Hauptschüler von Li Fuzhen, einem wichtigen Schüler von Che Yizhai, zu sein. Er prahlte damit, dass sein Gongfu sogar besser als das seines Lehrers und Großlehrers war und forderte jeden öffentlich heraus sich jederzeit mit ihm zu messen. Neben vielen anderen nahm auch Yao Zongxun die Herausforderung an. Damals war er gerade 23 Jahre alt und in seinem besten Alter. Es war mitten im Winter. Als Zeuge kam ein wichtiger Schüler von Shang Yunxiang, Xu Xiaoyu. Nach nur zwei Runden schlug Yao Zongxun Wu Peiqi zwei Zähne aus und er fiel bewusstlos zu Boden. 

Nach diesem Sieg vertraute ihm Wang Xiangzhai die Aufsicht über das kampforientierte Training an und schenkte Ihm einen Fächer mit einer persönlich geschriebenen Widmung drauf. Darauf gab er gab er Ihm den Namen Yao Jixiang, was bedeutet Yao in der Nachfolge von Xiang (Wang Xiangzhai). 

Nach diesem Duell gab es einen sehr starken Zulauf im Yiquan Training. Yao Zongxun wohnte damals in der Weststadt von Beijing im Hinterhof eines Anwesens und hatte dort einige Zimmer 

und einen kleinen Innenhof von ca 50m2 zur Verfügung. Dort fand dann auch immer das Training statt. Es kamen damals sehr viele Leute zum Training. Die meisten waren noch relativ jung. Von Zeit zu Zeit kamen auch immer wieder verschiedene Ausländer vorbei um zu schauen was das Yiquan war und wie wir trainierten. Wang Xiangzhai selbst kam in unregelmässigen Abständen immer wieder vorbei. Die meiste Zeit wurde das Training von Yao Zongxun geleitet. Yang Shaogeng (der Lehrer meines Lehrers) begann mit dem Training im Frühling 1941. 

Nach der Niederlage der japanischen Armee, zog Yao Zongxun dann 1946 an einen anderen Ort in Beijing mit wenig Platz um. Es kamen nun immer weniger Schüler zum Unterricht, da die meisten anfingen Arbeit zu suchen. 

 

 

Yang Shaogeng
Yang Shaogeng

Am 2.4.1940 wurde ein Artikel in der Beijinger Zeitung Shibao veröffentlicht mit dem Titel Über die Namensgebung des Dachengquan (Vollendete Kamfkunst). Der Autor war Zhang Bi (auch Ziheng), ein Veteran der Revolution von 1911 welche die Qingdynastie zum Umsturz brachte. In dem Artikel heisst es: „Was meine eigene Erfahrung angeht, sowie auch durch die Bestätigung des Artztes He Shaowen, kann man sagen, dass die Kampfkunst Wang Xiangzhais das Wesen der Kampfkunst verkörpert. Es steht im Einklang mit der Körperhygiene und der Kampfprinzipien und gründet auf den Grundsätzen der Wissenschaft und Moderne. Durch die Vereinigung der Bewusstseinskräfte wird das ganze Nervensystem trainiert, so dass sich die ganzen Funktionen des Körpers gleichmässig entwickeln können. Die Nervenfunktionen können sich voll entfalten und die Funktion aller Organe wird gestärkt. Deshalb erlaube ich mir diese Kampfkunst als Da-cheng-quan „Vollendete Kampfkunst“ zu bezeichnen.“ 

Im Juli und September des selben Jahres wurden in der Shibao Zeitung noch zwei Interviews mit Wang Xiangzhai veröffentlicht. Das erste hiess Der Begründer des Dachengquan Wang Xiangzhai spricht über das wesentliche der Kampfkunst; das zweite hatte den Titel Interview mit Wang Xiangzhai. So wurde Yiquan nach den 40er Jahren in Beijing und Nord China unter dem Namen Dachengquan - Vollendete Kampfkunst bekannt. 

Ab 1947 war Wang Xiangzhai mit dem Namen Dachengquan nicht mehr sehr zufrieden, da es nicht sein konkretes Anliegen zum Ausdruck bringen konnte wie es das Yi inYiquan tat. Er befürchtete dass es nur als Neuer Stil und Vermischung anderer Stile zu etwas Neuem aufgefasst wurde. Deswegen plädierte er wieder dafür nur den ursprünglichen Namen Yiquan zu benutzen. 

 

Nach 1950 änderte sich in China dann das politische Klima und schränkte die Ausübung von Kampfkünsten sehr ein. Vor allem ab 1958 gab es ein strenges Verbot für das Ausüben des Boxens. Yiquan konnte dann nur noch als Gesundheitspflege unterrichtet werden. Kampfkunstinteressierte konnten sich nur noch heimlich im Stillen treffen. So wurden es dann immer weniger. 

Die Kulturrevolution war für das Yiquan, wie für jede Kampfkunst, ein sehr starker Rückschlag. Erst in den späten Jahren ab 1973 begann es langsam wieder zu Leben zu erwachen und sich ab 1978 langsam wieder zu entwickeln. 

1982 erkannte der Leiter der Beijing Sportakademie Ma Jianxing das wissenschaftliche potential von Yiquan und lud eine Gruppe Yiquan Praktizierender unter der Leitung von Yao Zongxun ein die Wirkung des Trainings für den Wettkampfsport allgemein unter modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu untersuchen und nützlich zu machen. Dem Forschungsteam wurde ein leitender Artzt beigestellt und es wurden auch Gelder bereit gestellt. Was den therapeutischen Ansatz anging gab es schon einige Ergebnisse und es wurde auch ein erstes Manuskript gedruckt. Als dann aber der Abteilungsleiter Ma Jianxing in Rente ging kam auch das Yiquan Forschungsprojekt nach 2 jahren zu einem verfrühten Ende. 

 

Gegen Ende der 80er Jahre wuchs dann langsam die 3. Generation von Yiquan Praktizierenden heran. In ganz China wurden immer mehr Yiquan Kampfkunstschulen eröffnet und Yiquan öffnete sich langsam nach aussen und begann sich zunehmend in vielen Ländern der Erde zu verbreiten. 

 

Auf internationaler Bühne war der erste ausländische Schüler von Wang Xiangzhai Kenichi Sawai aus Japan, der das Yiquan unter dem Namen Taikiken in Japan bekannt machte. Er wurde 1943 Schüler von Wang Xiangzhai und kehrte 1946 nach Japan zurück um dort zu unterrichten.

 

Kenichi Sawai
Kenichi Sawai

In Hongkong waren es vor allem die Brüder Hang Xingyuan und Han Xingqiao die das Yiquan verbreiteten. Heute ist es vor allem desen Schüler Huo Zhenhuan, Gründer des Hongkong-Yiquan-Vereins, der die Arbeit der Han Brüder fortsetzt. 

 

 

(Quelle: Yang Shaogeng: Yiquan Quanshi; Hongkong 2004)