Guo Yunshen und Che Yizhai
Guo Yunshen und Che Yizhai

Ursprünge des Yiquan

 

Ursprünge des Yiquan

Die chinesischen Kampfkünste haben schon eine sehr lange Tradition und haben sich im Laufe der Geschichte immer weiter entwickelt. Wie sie einmal vor mehreren tausend Jahren ausgesehen haben kann man heute nicht mehr sagen. Man kann nur noch ein paar Spuren verstreut in den offiziellen Annalen oder regionalen Annalen finden. Werke die sich mit den Kampfkünsten im speziellen befassen und beginnen eine Theorie und Philosophie dazu zu entwickeln gibt es erst seit etwa 500 Jahren. Zu nennen wären z.B. Yu Dayou (1503 - 1580) mit seinem Werk Klassiker des Schwertes (剑经 jianjing)

 

Etwa 100 Jahre später betritt Ji Jike (auch mit Namen Longfeng, 1602 - 1680) die Bildfläche. Er gilt als Begründer der Kampfkunst Xinyiquan, welche abgekürzt auch Yiquan genannt wurde. Das heutige Yiquan geht in seinen Ursprüngen auf diese Kampfkunsttradition zurück. 

Die nächsten 100 Jahre bleibt die Geschichte etwas im Dunkeln. An wen Ji Jike sein Handwerk weitergab ist unklar. Der Überlieferung nach jedoch lernte Cao Jiwu (1662 - 1722) sein Handwerk von Ji Jike und gab es an Dai Longbang (1713 - 1802) und Ma Xueli (1715 - 1790) weiter. Aufgrund der grossen Altersdifferenz scheint es jedoch kaum möglich, dass Dai Longbang und Ma Xueli Schüler von Cao Jiwu waren. 

Im Interview mit Wang Xiangzhai heisst es, dass die ‚direkte Überlieferung des Xingyiquan eine Tradition mit dem Xinyiba und dem Liuhebu aus Henan ist. Man kann nachschlagen, dass Li Daidong (Wang nennt ihn Alten Dai)) aus Henan der  Großenkel von Li Zhihe ist. Herr Zhihe wiederum war der  Lehrer von Dai Longbang. Von daher macht es Sinn, dass die Linie nicht direkt von Cao Jiwu an Dai Longbang weitergereicht wurde. Laut Yang Shaogeng (Schüler von Wang Xiangzhai und Lehrer meines Lehrers) hat Wang Xiangzhai Li Daidong bei seinem Lehrer Guo Yunshen noch kennen gelernt und von Ihm Anleitung zum Training bekommen.

 

Nachvollziehbar wird es dann wieder beginnend mit Dai Wenxiong (1778 - 1873). Dai Wen Xiong lernte sein Handwerk von seinem Onkel Dai Longbang und erhielt ausserdem noch wegweisende Unterweisungen von Li Zheng (eine Generation jünger als Li Zhihe), der Schüler in 2. Generation von Ma Xueli war. Dai Wenxiong war der erste, der das Handwerk der Kampfkünste ausserhalb der Familie an Li Luoneng (ca. 1808  - 1890; gleicher Familienname aber nicht verwandt mit Li Zheng) weiter gab. Der Überlieferung nach soll Li Luoneng sein Handwerk von Dai Longbang gelernt haben, was laut Interview von Wang Xiangzhai und dem Chinesischen Kampfkunstwörterbuch aber ziemlich sicher als widerlegt gilt. 

 

Li Luoneng änderte dann den Namen von Xin-yi-quan (Herz/Bewusstsein-Idee/Sinn-Boxen) in Xing-yi-quan (Form-Idee/Sinn-Boxen) und hatte 4 sehr einflussreiche Schüler: Guo Yunshen (1829 - 1900), Liu Qilan (1819 - 1889 oder 1832 - 1905), Che Yizhai (1833 - 1914) und Song Shirong (1849 - 1927).

 

Guo Yunshen war der Lehrer von Wang Xiangzhai und war berühmt für seinen direkten, blitzschnellen geraden Schlag mit Ausfallschritt 半步崩拳 banbubengquan). Es gibt einige Streitigkeiten unter Kampfkünstlern heute (!) die Wang Xiangzhai absprechen nicht von Guo Yunshen direkt gelernt zu haben sondern behaupten, dass er sich später als dessen Schüler ausgab um in der Genealogie eine Generation älter zu sein. Die Streitigkeiten sind aber mehr oder weniger allesamt erst sehr spät aufgetaucht und spiegeln vielmehr Probleme nachfolgender Generationen wieder, als dass sie wirklich damals ein Problem waren. Wang Xiangzhai provozierte zwar in seinen Ansichten über die Kampfkünste, war aber in den wichtigen Kreisen durchwegs sehr anerkannt und pflegte Freundschaften mit namhaften Meistern aus dem Taiji, Xingyi und Bagua. 

Der historische Hintergrund lässt sich jedoch noch recht gut rekonstruieren. Das Geburtsjahr von Wang Xiangzhai ist 1885 (andere Fassung 1890) während das Todesjahr von Guo Yunshen im Jahr 1900 als gesichert gilt. Wang wird wohl schon sehr früh von Guo Yunshen unterrichtet worden sein, zumal sein Sohn früh bei einem Reitunfall tragisch um’s Leben kam und Wang mit Guo Yunshen verwandt war und als sehr talentiert galt. Einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung und die Jahre bis zu seiner Volljährigkeit nach Guos Tod übernahm wohl Li Bao, der Mann von Wang Xiangzhai’s älterer Schwester, welcher Guo Yunshen bis zu dessen Tod pflegte. Li Bao war offizieller Schüler von Guo Yunshen. Vor allem vor der Tatsache, dass Guo Yunshen und Wang Xiangzhai direkt verwandt waren (und der Tod von Guos einzigem Sohn), ist es sehr wahrscheinlich, dass Wang direkt von Guo unterrichtet wurde und Li Bao ihn als seinen jüngeren Gongfu Bruder respektierte und sich auch seiner Ausbildung nach Guos Tod annahm. 

 

(Quelle: Yang Shaogeng: Yiquan Quanshi; Hongkong 2004)