Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 20

Das Auflösen des Lehrer-Schüler Systems zur Debatte stellen

Das Lehrer-Schüler System wurde immer als eine sehr schöne Tugend gepriesen. Dennoch  kommen aus den schönsten Dingen in unserem Land immer nur alle möglichen Korrumpierungen und unmöglichsten Dinge hervor. Das trifft vor allem auf die Kampfkunstwelt im großen Stil zu. Deswegen wird das Studium der Kampfkünste von den meisten in der Gesellschaft verachtet. Oder man ist der Meinung, dass wenn man sich nicht in einer offiziellen Zeremonie seinem Lehrer unterwirft, man auch nicht seine geheime Lehre anvertraut bekommen würde. Anders herum ist man der Meinung, dass wenn sich ein Schüler nicht unterwirft, er auch nicht das Vertrauen verdient die eigentlich relevanten Dinge beigebracht zu bekommen. So wird es immer eifriger nachgemacht und die Gewohnheit verfestigt sich immer mehr. Leider ist das heute zu einer richtigen Unsitte geworden. 

 

Nun möchte ich die ganzen Leute die eigentlich nur sehr oberflächliches Verständnis haben hier gar nicht zur Debatte stellen. Denn sie haben eigentlich gar nichts was man verheimlichen könnte. 

Wenn dann jemand vielleicht etwas hat, dann führt dieses Verhalten mit absoluter Sicherheit früher oder später dazu, dass der wahre Sinn der Kampfkunst sich irgendwann nur noch im Wunschtraum versteckt. 

Sogar im inneren Zirkel einer Schule gibt es immer noch Dinge, die als Geheimnis gesehen werden und nicht weitergegeben werden. Ich kann das beim bestem Willen nicht verstehen. Das ist wirklich das unterste vom untersten Niveau. Es ist nicht ohne Grund, dass der Sinn der Kampfkunst nicht mehr bekannt ist. 

Bis zum heutigen Tage haben sich so alle möglichen abnormalen Formen von Kampfkunst und absurden Theorien überall verbreitet und diejenigen die solch einen Unsinn anzetteln nehmen immer mehr zu. Darüber kann man sich nur Sorgen machen. 

 

Die wahre Bedeutung vom Sinn der Kampfkunst kann man sagen, ist eigentlich etwas so normales wie der Sinn des alltäglichen Lebens. Man kann aber auch sagen, dass sie genauso tief und unauslotbar sind wie das feinste und verborgene von Himmel und Erde. Wenn man den Sinn nicht klar bekommt, dann kann man sie ein Leben lang praktizieren und doch nichts erreichen. Hat man aber ihren Sinn verstanden, so kommt man auch durch Lebenslange Praxis nicht an ihr Ende. Wo macht es da noch Sinn etwas zu verheimlichen? Alles was zur Menschheit gehört, sollte sich auch seinen Mitmenschen zu Herzen nehmen und sich selbst in die Lage von Menschen in Not versetzen. Erst wenn es wirklich dazu kommt, wird sich der Sinn wirklich festigen können. Ansonsten, was bringt es, wenn die ganze Menschheit auf der Welt ausstirbt und nur man selbst übrig bleibt? Das ist einfach nur noch der Gipfel von Egoismus. Ich fürchte, dass damit das Wohl der Menschheit zu einem jähen Ende kommen würde. 

 

Die Bevölkerung wird immer schwächlicher und vieles entwickelt sich nicht sehr im Sinne der Menschen. Hier liegt das eigentliche Problem begraben. Dazu kommt noch, dass Handwerk und Wissenschaft eigentlich gemeinsames Erbe aller Menschen ist. Es sollte eigentlich keine Einteilung in abgetrennte Gebiete geben und schon gar nicht sollte es innerhalb der eigenen Bevölkerung zu Ausgrenzung kommen. Auch gegenüber anderen Ländern und Rassen sollte man stets nach dem Grundsatz einer großen Einheit handeln und Handwerk und Wissenschaft nicht durch Landesgrenzen einschränken. Alles wächst und gedeiht unter demselben Himmel und derselben Sonne. Wo gibt es da etwas zu verheimlichen? Diese Auswirkungen sind so kleinkariert, dass sie eigentlich gar nicht wert wären darüber zu schreiben. 

 

Deswegen habe ich es im Kampfkunstunterricht immer so gehalten, dass ich nie jemanden abgewiesen habe. Wer immer auch kommt und dieselbe Leidenschaft teilt, den unterrichte ich. Und wenn ich unterrichte, dann unterrichte ich auch mit vollem Einsatz. Wer fragt, dem erkläre ich und ich bemühe mich alles zu erklären. Ich fürchte eher schon fast panisch, dass es jemand nicht begreifen könnte, oder dass es nicht weitergegeben werden könnte. 

So kommt es beim Unterrichten immer wieder vor, dass jemand zuhört, es aber nicht verstehen kann, oder dass es jemand klar wird, es aber nicht in die Praxis umsetzt. Das ruft in mir immer ein tiefes Bedauern hervor. Doch sobald ich sehe, dass es jemand versteht und in die Praxis umsetzt und einen Gewinn davon hat, lässt das eine grosse Freude in mir aufsteigen. Es ist einfach nur meine Absicht  und löst eine Zufriedenheit in mir aus, zu sehen, wie Menschen auch zufrieden sind. Niemals würde ich mich als Lehrer hervortuen wollen. Denn wenn Menschen sich untereinander etwas geben, dann ist der Geist dabei das wertvollste und das wichtigste dabei ist das Gefühl. Die äussere Form, wie man sich formal nennt, ist dabei nicht wichtig. Denn wenn es zu einer wirklichen Weitergabe von Handwerk und Wissenschaft kommt, dann habe ich in diesem Vorgang trotzdem alles positive erfahren auch wenn ich nicht die Stellung eines Lehrers vereinnahme. Denn wer würde so jemanden denn nicht aus einem Tugendgefühl und Gerechtigkeitssinn heraus als Lehrer behandeln? So wäre die Bezeichnung Lehrer nicht mehr vorhanden, aber im Verhalten doch zum Ausdruck gebracht. Man hätte also

nichtmal einen Verlust dabei. 

Wenn man aber als Lehrer die ganze Welt mit abnormalen Formen von Kampfkunst und absurden Theorien täuscht, man sich einer Schule unterwirft und sich untereinander Bruder nennt, aber sobald einer einen klaren Durchblick bekommt und die Absurdität erkennt, wird dieser dann in Zukunft bis auf alle Ewigkeit verhasst sein. Was hat das noch mit Lehrer sein zu tun? Vom Namen her ist der Lehrer zwar existent, aber es ist kein Lehrer mehr im eigentlichen Sinne.

 

Sobald die Hierarchien von Schüler und Lehrer definiert sind, entsteht auch die Vorstellung von Übergeordnet und Untergeordnet. Sobald ein Schüler dann etwas zum Lehrer sagen möchte, aber das Gefühl hat es sei unangebracht, entsteht dann meistens eine Angst davor die Autorität des Lehrers zu verletzen und er wagt es nicht ihm zuwiderzuhandeln. Wenn er ihm aber zuwiderhandelt, dann muss der Lehrer, um seine Autorität aufrechtzuerhalten, ihn lautstark zurechtweisen und hat so auch keine Möglichkeit mehr sich selbst zu prüfen. Wie kann man bei so einer Mode noch von Handwerk, Wissenschaft und sinnvollen Prinzipien reden? Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet kann man allgemein sehen, dass das Lehrer-Schüler System dem Sinn der Kampfkunst keinerlei Nutzen bringt.

 

Ausserdem kommt noch dazu, dass der Streit zwischen Schulen und Stilen durch das in Mode gekommene Lehrer-Schüler System oft noch viel mehr angeheizt wird. Jeder möchte sich behaupten und den anderen unterwerfen; hält sich für das Beste und zieht das andere in den Dreck. In einem ständigen Herumgezanke wird aus einer Genealogie eine Schule und aus einer Schule ein Stil. Die Differenzen unter Stilen führen dann zu einem kaum mehr zu überschaubaren Dschungel an Theorien und Ansichten. Auf diese Weise wird die wahre Bedeutung der Kampfkunst in Zukunft nie mehr einen blühenden Tag erleben. Das ist doch eigentlich das schlimmste daran!

 

Ganz davon abgesehen ist ein Lehrer natürlich wichtig für das Lernen. Aber wenn jemand auch tausende von Kotaus macht und ständig immer nur Lehrer ruft, aber was Handwerk und Wissenschaft angeht total verplant ist, für den macht ein Lehrer letzen Endes auch keinen Sinn mehr. 

 

Man muss sich klar darüber werden, dass Wissenschaft und Handwerk das höchste ist was es im Kosmos gibt. Dieser ist unser gemeinsamer Lehrer. Deswegen setze ich mich so sehr dafür ein, dass das Lehrer-Schüler System aufgehoben wird. 

Obwohl mir klar ist, dass das nur meine persönliche Ansicht ist und das Lehrer-Schüler System eine lange und eingeschliffene Tradition in der Kampfkunstwelt hat, wird es nicht auf einmal abgeschafft werden können. Aus einer gewissen Vorsicht heraus — und um blinde Nachfolge und Unstimmigkeiten zu vermeiden — sollte man sich aber schon auf beiden Seiten eine gewisse Zeit geben, bis man vom Charakter und Bildungsgrad ein wirkliches Bild bekommen hat und dann erst mit der eigentlichen Ausbildung beginnen. Das erscheint mir schon relativ angebracht zu sein.

 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0