Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 19

Der Grund warum der Sinn der Kampfkünste verlorengegangen ist

Es gibt drei wichtige Grundprinzipien im Training der Kampfkünste. Das sind Körperertüchtigung, dann Selbstverteidigung und es sollte von Nutzen für die Allgemeinheit sein. Der Nutzen für die Allgemeinheit ist das was mir sehr am Herzen liegt und es ist gleichzeitig auch eine wichtige Grundlage an sich. 

 

Dennoch, alles entsteht aus und baut ganz und gar auf einem gesunden Körper und Geist auf. Wo keine Gesundheit ist, da kommen auch die Geisteskräfte nicht zu voller Entfaltung. Und wo es an Geisteskräften mangelt dort gibt es auch keine großen Taten die besungen oder beweint werden könnten. Man brauch gleich gar nicht darüber zu reden, dass man bereit sei für eine gute Sache zu töten, oder sein Leben für Gerechtigkeit zu lassen. Ich fürchte, dass wenn so jemand sähe wie jemand am ertrinken wäre oder dabei sich zu erhängen, nur zurückschrecken würde und nichts tun könnte. Noch viel weniger würde so einer wohl seinen Säbel ziehen wenn er unterwegs Zeuge von Ungerechtigkeit werden würde. 

Oft fehlt es auch körperlich schwachen Menschen an einer gewissen Toleranz und sie kommen leicht in eine schlechte Gemütsverfassung. Dennoch sind Toleranz und natürliche Heiterkeit nicht ausschliesslich durch einen gesunden Körper bedingt. 

 

Körperliche Ertüchtigung ist die Grundlage des Lebens und Kampfkunst ist die Basis der körperlichen Ertüchtigung. Jegliche Form von Unternehmung kann auf verschiedenste Weise davon profitieren. Wenn nun die Rolle der Kampfkunst von solch großer Bedeutung ist, wie kann man es da zulassen, dass echtes durch falsches verwässert wird und die ganze Welt für Generationen betrogen wird ohne es zur Diskussion zu stellen? 

 

Der Sinn in der Kampfkunst wahr ursprünglich eigentlich sehr einfach und wurde später erst immer komplexer und überladener. Denn eigentlich ist der Sinn der Kampfkunst der, ein gutes Werkzeug zu sein um seine Physis zu verbessern und essentiell dafür die im Menschen angelegten Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Vom einfachen zum komplexen vorzudringen macht dabei noch Sinn. Aber vom komplexen zur Einfachheit gelangen zu wollen geht nicht. Das widerspricht der biologischen Veranlagung und den Prinzipien des Menschen. 

 

Xingyiquan hatte ursprünglich „drei Fäuste“, die eine Bewegung waren. Das waren „Schritt“, „Eindringen“ und „Einwickeln“ (jian, zuan, guo), Es waren drei Kräfte die als eine ganzheitliche Wirkung zum Ausdruck gebracht wurden. Wie ein Pferd dass in einer unendlichen Bewegung galoppiert. Die 5 Wandlungsphasen und die 12 Formen waren alle darin enthalten. Denn die 5 Wandlungsphasen waren ursprünglich nichts anderes als eine stellvertretende Bezeichnungen für 5 verschiedene Formen von Kraft. Was die 12 Formen anging, so bedeutete es nichts anderes als 12 Tiere die jeweils ihre besonderen Stärken hatten die man sich im weitesten Sinne zu eigen machen sollte. Es gab aber nicht extra 12 einzelne Formen und verschiedene andere komplexe Choreographien. 

Beim Bagua ist es genau dasselbe. Ursprünglich gab es nur die einfache und die doppelte Wechselhand. Später gab es dann welche die nur ein sehr oberflächliches Verständnis hatten, die wahre Bedeutung darin nicht mehr verstanden und plötzlich so absurde und künstliche Sachen entwickelten wie 64 Handformen und 72 Beinformen. Man hat nicht nur keinerlei Nutzen davon, sondern es schadet sogar noch obendrein. 

Beim Taiji sind die Entstellungen sogar noch schlimmer. Das einzigste ist, dass der Schaden dabei nicht ganz so schlimm ist, da es nicht ganz so schlimm gegen die natürliche Physis des Menschen geht. Dennoch machen all die vielen Stellungen keinen Sinn. Wenn man sich jedoch die Klassiker anschaut, so sind sie in einer sehr guten, gehobenen Sprache geschrieben. Leider gibt es kaum essentielle Inhalte und zuviel oberflächliches. Es bleibt alles viel zu vage und unkonkret. 

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass man unter den ganzen modernen Kampfkünsten heute eigentlich nicht mehr von einer vernünftigen Gesundheitspflege und Kampfanwendung reden kann. Ausserdem ist kaum noch eine Methode wirklich mit den Gesetzen der menschlichen Physis vereinbar. 

 

In mehr als über 40 Jahren bin ich durch das ganze Land gereist, habe unzählige Kampfkünstler getroffen und habe keine Form gesehen die in sich ausgewogen wäre, geschweige denn wirklich in die Tiefe ginge. Denn mit der Kampfkunst ist es so, dass sie eigentlich von ihrer Erscheinung her sehr einfach ist, die Ideen die darin stecken aber komplex sind. Es kann sein, dass sich jemand ein Leben lang damit auseinandersetzt und trainiert ohne wirklich den eigentlichen Sinn darin zu verstehen. In den Bereich wirklicher Vollendung gelangen dann nur noch die aller wenigsten. Das liegt eigentlich nicht daran, dass der Sinn der Kampfkünste schwer zu begreifen wäre, sondern den meisten Menschen ermangelt es an einer einfachen, unspektakulären Gesinnung und einem starken Willem. 

Heute ist es so, dass immer mehr Schulen entstehen und es schon so viele Techniken und Bewegungen gibt, dass man sie gar nicht mehr alle aufzählen kann. Der Grund dafür liegt ganz einfach darin, dass man nach schönen Bewegungen sucht die sich für Aufführungen eignen. Doch wenn man Kampfkunst nur betreibt um andere damit zu unterhalten, warum lässt man dann nicht einfach davon ab und wendet sich dem Theater zu? Zumal es in der Theaterausbildung noch sehr viele sinnvolle und gute Grundlagen gibt. Im Vergleich zu den meisten Kampfkünstlern steckt da wirklich sehr viel mehr drin. 

 

Mann hört immer wieder von irgendwelchen Kampfkünstlern die voller Stolz vor anderen damit angeben wie viele Formen und Techniken sie beherrschen und dabei gar nicht merken, wie der ein oder andere Kenner der daneben steht schon längst bei sich im Stillen darüber lacht und wahrscheinlich noch viel mehr voller Mitleid für sie ist. 

Dennoch sind es wohl gerade die ganzen festen Formen und Techniken die den Weg für den Untergang vom Sinn der Kampfkünste bereitet haben. Über mehrere Jahrhunderte hindurch praktiziert und weitergegeben ist es nun zu einer Gewohnheit geworden die sich so sehr eingeschliffen hat, dass man kaum mehr davon los kommt. Die schlimmsten unter ihnen schwimmen ganz oben auf der Welle mit und haben ein ganzes System von Theorien aus 4 Erscheinungen (sixiang) und 5 Wandlungsphasen, 9 Palästen (jiugong) und 8 Trigrammen, sowie Flusskarte und Nebenflussaufzeichnung (hetu und luoshu) entwickelt. Alles was es an absurden und aussergewöhnlichen Ausdrücken und Konzepten gibt wird benutzt und den Kampfkünsten untergeschoben, so dass jemand der sie lernen möchte gar nicht mehr verstehen kann wie sie eigentlich wirklich sind und geblendet von den ganzen Geschichten rennen sie alle diesen Sachen hinterher. So wird der ursprünglichen Sinn und die ursprüngliche Funktionsweise der Kampfkünste immer mehr dem Untergang geweiht sein. 

Davon abgesehen gibt es auch welche die einfach ein paar Säbel- Speer- Schwert und Stockformen gelernt haben um damit versuchen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Meistens haben sie sogar noch Glück und treffen auf die entsprechenden Leute denen sie ihre Sachen verkaufen können. Da das Streben danach sich seinen Lebensunterhalt irgendwie zu verdienen groß ist, sehen viele eine Chance darin und wollen auch mit auf den Zug aufspringen. So macht es einer dem anderen nach und es verbreitet sich immer mehr in der ganzen Gesellschaft. Solche absurden Verhaltensweisen haben nicht nur den Sinn der Kampfkünste völlig entstellt, sondern es hat auch dazu geführt, dass sich ein gewisser ritterlicher Ehrenkodex im Zuge davon ganz und gar aufgelöst hat. 

Dennoch gibt es immer wieder besonders begabte Leute die einen gewissen Einblick in die tiefere und feinere Funktionsweise der Kampfkunst haben. Leider sind solche Menschen wiederum oft von traditionellen Gewohnheiten und Vorurteilen gefangen und sind nicht gewillt ihre essentiellen Erkenntnisse anderen Menschen klar und offen zu zeigen. Ihnen ist einfach nicht klar, dass Fluss und Ozean keinen Schaden nehmen wenn ihnen Wasser entnommen wird. Was sind es nur für Gründe, dass solche Menschen so engstirnig sind? 

Wissenschaft und Handwerk sind eigentlich etwas das der Menschheit als Gemeingut gehört. Wenn man bestimmte Entdeckungen macht, dann sollten diese auch der Gesellschaft öffentlich zugänglich gemacht werden. Wie kann man so etwas als sein privates Geheimnis hüten, so dass es letztlich niemandem zu Ohren kommt? 

 

In letzter Zeit habe ich mitbekommen, dass sich Leute auf die buddhistische Lehre stützen und über Geister und Teufel reden und absurdes Zeug von sich geben wie man das Dao kultiviert und wie man Unsterblichen begegnen kann. Es ist alles so an den Haaren herbeigezogen und teilweise noch schlimmer als die chaotischen Verdrehung was das Dao angeht. Man kann einfach nur einen tiefen Seufzer darüber ausstoßen. Wo wir doch heute in einer aufgeklärten und blühenden Zeit der Wissenschaft leben, trauen sie sich trotzdem noch solch ein absurdes Gerede von sich zu geben, unter die Menschen zu bringen und in der Zeitung zu annoncieren. Diese Menschen sind von so unterdurchschnittlicher Dummheit und wirrköpfiger Taubheit und haben sogar noch das letzte Gefühl dafür verloren, dass es unter Menschen auch so etwas wie Peinlichkeit oder Schamgefühl gibt. Was Buddha wohl von diesen absurden Leuten halten würde wenn er das mitbekommen würde? Es gibt so viele verschieden Wege auf dieser Welt wie man sein Auskommen verdienen kann. Warum muss man denn eine gewisse vorübergehende Schwäche in der Gesellschaft ausnutzen um sich selbst und andere zu betrügen? Wenn ich darüber rede kann ich einfach nicht anders als mit einer gewissen Traurigkeit an den Sinn der Kampfkünste zu denken und mache mir noch mehr Sorgen über die Gesinnung der Menschen. 

 

Dass der Sinn der Kampfkünste immer mehr verkommen ist, ist eigentlich hauptsächlich auf die zwei Regierungsperioden von Kangxi und Yongzheng zurückzuführen, da während ihrer Zeit die Kampfkünste nicht entsprechend ihrem Sinn gefördert wurden. Dennoch muss man auch den Kampfkunstvertretern eine gewisse Schuld zukommen lassen, da ihre Bildung mangelhaft war und sie ihre Veranlagungen nicht gut ausbilden konnten, so dass auch sie irregeführt wurden. Bis heute werden Missverständnisse weiter missverstanden und weitergegeben und keiner kann den Sinn mehr wirklich erfassen und unterscheiden. Und selbst wenn man mal von Menschen hört die den Sinn ganz durchdrungen haben, sind sie oft so sehr in ihren konservativen Meinungen festgefahren, dass ihnen nichts daran gelegen ist die Menschen aufzuklären, die sich immer tiefer in ihrer Abwärtsspirale bewegen. 

 

Dieser Weg der Kampfkünste ist, wenn auf die richtige Weise ausgeübt, von großem Nutzen für Körper und Geist. Ausserdem kann er für Unternehmungen aller Art dort von unterstützender Hilfe sein, wo diese einen gewissen Mangel aufweisen. Wenn aber nicht in richtiger Weise ausgeübt, so führt er dazu, dass Charakter, Nervenfunktionen, Glieder und Rumpf sowie die Gemütsverfassung ihre normale Funktionsweise verlieren. Es kann so weit kommen, dass es die ganzen Lebensfunktionen beeinträchtigt und man lebenslange Schäden davonträgt. Wer das nicht glaubt, der braucht sich nur berühmte Meister von früher anzuschauen, deren Beine gelähmt oder schwer beschädigt sind weil die harmonische Funktion von Muskeln und Sehnen stark beeinträchtigt wurde. Davon gibt es unzählige Beispiele. Kampfkunsttraining sollte ursprünglich eigentlich gut für die Gesundheit sein, führt nun aber zur Zerstörung der Gesundheit. Das Ergebnis ist wirklich bedauernswert. 

 

Der Kampfkunstweg wird von vielen heute als nationales Vermächtnis bezeichnet. Doch so ein Vermächtnis ist doch nichts anderes als ein Werkzeug um Krüppel zu erzeugen oder? 

In den folgenden Jahren nach 1926 wurden an verschiedensten Orten nationale Kampfkunstschulen gegründet um zu zeigen, dass alle diese Künste den Namen national verdienen. Dennoch scheint diese beschämende, deprimierende und völlig wertlose Nationalkunst ein Phänomen zu sein das es nur bei uns gibt. Mir ist auch gar nicht klar, was für eine aussergewöhnliche Person auf diese geniale Idee kam einen solch hochtrabenden Namen dafür  zu erfinden? Ich verstehe nicht was sich jemand dabei gedacht hat so dreist zu sein? 

Und den gehobenen Herren, die sich mit vollem Einsatz ständig für eine Verbreitung von Sport einsetzen, denen ist gar nicht klar, dass die großen Vertreter ihrer Sportarten alles Anführer auf dem Weg zu einem vorzeitigen Tod sind. Wie kann man all dem nur so blindlings nachfolgen? 

 

Es ist mein einzigster Wunsch, dass sich die Menschen einfach mal in einer ruhigen Nacht hinsetzen und sich sorgfältig Gedanken darüber machen. Man muss lernen klar zu Unterscheiden. 

Es gibt nichts im Leben das wertvoller ist als die Gesundheit. Wie kann man sich da von irgendwelchen planlosen Menschen herumkommandieren lassen und sich einfach so verkrüppeln lassen? Die Wahl des Lehrers und das Lernen einer Kunst ist wirklich etwas was man sehr bedacht und sorgfältig wählen sollte. In meinem Prozess des Lernens der Kampfkunst kannte ich dabei nur den Unterschied zwischen Sinnvoll und nicht Sinnvoll. Für mich gab es keine Schulen und Stile. Um die Kampfkunst zum erblühen zu bringen, möchte ich alles was ich weiss und gelernt habe an die nächste Generation weitergeben und ich wünsche mir, dass jeder davon Kenntnis nehmen möchte. Deswegen unterrichte ich jeden der kommt. Ich habe schon immer alle als meine engsten Freunde gesehen und habe die Lehrer Schüler Bezeichnung noch nie sehr gemocht. Es ist meine Hoffnung, dass der Sinn und Weg der Kampfkünste wieder neu erblühen wird, wenn die Vorstellung von Schulen und Stilen wieder langsam abgebaut wird. Das wäre mein Wunsch. 

 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

 

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