Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 18

Erläuterungen zu Praxis und Theorie

Der wesentliche Sinn von Wissenschaft und Handwerk besteht darin, Theorie in die Praxis umzusetzen und seine Praxis auch theoretisch zu verstehen. Ansonsten führt es dazu, dass man am Ende sich selbst und seine Mitmenschen betrügt und sich nur in einem endlosen Schwall von absurdem Gerede ergiesst. 

 

Obwohl die beiden Worte Theorie und Praxis vom Namen her eigentlich sehr einfach zu verstehen sind, ist es in der Realität doch ziemlich komplex. 

Es gibt welche die sagen, dass die Theorie schwer zu begreifen ist, es aber relativ einfach ist dann in die Praxis umzusetzen. Dann gibt es aber auch welche die auf dem Standpunkt sind, dass die Theorie einfach zu verstehen ist, aber die praktische Umsetzung sehr schwer ist. Dann gibt es noch die, die behaupten dass das theoretische Verständnis schwer zu begreifen ist und die praktische Umsetzung sogar noch schwerer ist und zuletzt noch welche die behaupten Praxis und Theorie gehen Hand in Hand. 

Doch im Grunde gibt es nichts das an sich schwer oder einfach wäre. Die Standpunkte die gerade erwähnt wurden sind alle auf ihre Weise richtig. Dennoch ist es sehr pauschal und einseitig und bringt einen nicht dahin etwas von Grund auf zu verstehen. 

Ich bin der Meinung, dass man allgemein sagen kann, dass wenn man in einem Bereich von Handwerk oder Wissenschaft es zu bestimmten Fertigkeiten gebracht hat, es auch zu entsprechenden Resultaten kommt. Wenn es aber am Verständnis mangelt und man nicht in der Lage ist zu Beschreiben wie man dazu kam, dann kann man durchwegs sagen, dass die Theorie schwer und Praxis relativ einfach ist. Wenn nun jemand ein reiches theoretisches Verständnis mit sich bringt und dieses entsprechend gut in Fertigkeiten umsetzen kann, dann sind sowohl Theorie als auch Praxis recht einfach. Wenn es jemand zu keinen Fertigkeiten gebracht hat und es auch noch an Verständnis mangelt, dann braucht man gleich gar nicht erst Anfangen über die beiden Begriffe Theorie und Praxis zu reden. 

 

Wissenschaft und Handwerk sind an sich eigentlich etwas das keine Grenzen kennt. Wie viel Theorie und wie viel Praxis man angesammelt hat und bis zu welchem Grad sich Theorie und Praxis entwickeln müssen bis man von wahrer Theorie und wahrer Praxis reden kann, darüber lässt sich meiner Meinung nach kein Standpunkt festlegen. Dennoch sollte es so sein, dass das was man theoretisch durchdrungen hat, dann auch in die Praxis umgesetzt werden sollte und das was man in der Praxis kann auch theoretisch durchdringen werden sollte. Erst dann kann man behaupten, dass Theorie und Praxis Hand in Hand gehen. Es gibt einfach kein wahres Wissen das sich nicht praktisch umsetzen lassen würde, sowie es keine wahre Praxis gibt, die sich nicht theoretisch durchdringen lassen würde. Es ist wirklich so, dass sich in der Wahrheit immer beides gegenseitig bedingt und vollendet. Bei Wissenschaft und Handwerk ist das der Fall und in den Kampfkünsten trifft das noch um so mehr zu. Denn dieser Weg macht nur Sinn, wenn man den Worten auch stets Taten folgen lässt. Beides muss sich ergänzen. Da hat man keine Musse mehr noch viel darüber nachzudenken. Noch viel weniger darf man hier mit irgendwelchen Klischees und Binsenwahrheiten daherkommen. 

 

Der Sinn von Wissenschaft und Handwerk besteht zu allererst darin ein klares Verständnis von der Materie zu bekommen. Darüber hinaus muss man sich dann vor allem mit vollem Einsatz der Sache hingeben. Wenn man aber nicht zuerst zu einem klaren Verständnis gekommen ist wo der Weg langgeht für den man sich einsetzt, dann kann es leicht passieren, dass man auf Abwege gerät. Je tiefer sich dann die Fertigkeiten einschleifen, desto heftiger wird der Schaden sein. 

 

Egal ob man studiert, Kalligraphie lernt oder ob es sich sonst um irgendeine Form der Kunst handelt, meistens meint man, dass man ein Kind in jungen Jahren gut ausbilden kann. Doch wer hätte gedacht, dass wenn es dann erwachsen ist, die Fertigkeiten voll ausgebildet sind und es sehr berühmt geworden ist, es dann plötzlich kein Entwicklungspotential mehr hat. Dieses Phänomen kann man überall beobachten. Das Problem liegt meistens an der mangelnden Didaktik des Lehrers, dass man nicht aufmerksam und achtsam genug ist und man beim Streben nach Verständnis meistens einfach nur andere kopiert und nachahmt. Im Grunde ist es nichts anderes als einfach nur blind nachzufolgen. 

Wenn man aber etwas übt und es zu keinem wirklichen Ergebnis führt, dann kann man auch niemals von einem wirklichem Körperverständnis reden. Das ganze Leben lang bleibt man planlos und es wird überhaupt nicht konkret. Ausserdem führt es leicht zu Geheimniskrämerei und man wird niemals das eigentliche Tor zu Gesicht bekommen. So ist man dann am Ende mit seinem Latein und ist doch zu keinerlei echter Körpererfahrung gekommen. Das kann einem wirklich Leid tun!

 

Man darf nicht vergessen, dass Geschicklichkeit nur eine Eingangspforte ist durch die der Übende eintritt. In den Schriften heisst es: „Selbst wenn Kinder und Enkel dumm sind, so darf das Studium nicht vernachlässigt werden." Es ist wichtig etwas zu verstehen, aber noch viel wichtiger ist es, es auch praktisch umzusetzen. Oberfläche und Inhalt; Innen und Aussen: alles bedingt sich gegenseitig. Ansonsten wird man ein Leben lang nur schwer in die richtigen Gleise kommen.

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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