Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 13

Über feste Formen und Techniken

Kampfkunst ist von einer Tiefe, die kein Ende kennt. Selbst wenn jemand von ausserordentlicher Begabung ist, so muss er von seiner Einstellung auch einen unerschütterlichen Glauben und viel Fleiss mitbringen und ein Leben lang praktizieren. Selbst dann ist es kaum möglich die Kampfkunst bis ins Äusserste auszuloten. 

Dagegen sind feste Formen und Techniken nichts anderes als von Menschen entwickelte Kampfkunstgerüste. Diese wurden in den 300 Jahren seit der mandschurischen Qing-Dynastie vor allem von durchschnittlichen Laien für einfache Aufgaben und Vorführungen gebraucht. Es war nichts anderes als ein Mittel zum Lebensunterhalt von Kurpfuschern im Bereich der Kampfkunst. Ist man wirklich bestrebt dem Sinn der Kampfkunst auf den Grund zu gehen, dann würde man gar keine Zeit finden sich mit so etwas auseinanderzusetzen. Es würde sogar nicht nur nichts bringen, sondern würde nur jede Menge Blockaden für die Funktion von Nerven, der Gliedmassen und der mentalen Kräfte darstellen und würde jegliche Form spezifischer, ursprünglich angeborener Fähigkeiten zerstören. 

Daher, wer so etwas praktiziert, dem mangelt es in gewisser Weise an Verständnis. Denn was die konkrete Anwendung betrifft, ist es eigentlich ziemlich unpassend und bringt nur extrem viel Nachteile mit sich. Das würde sich schriftlich kaum zu Blatt bringen lassen. Was die Bestimmung der Kampfkunst und die Grundsätze von Gesundheitspflege angeht, ist es meilenweit davon entfernt. Darüber braucht man sich gar nicht zu unterhalten. Wenn man sich mit jemandem in einem Vergleichskampf messen würde und würde einfach nur ohne jegliche Formen und Techniken wild und planlos draufeinschlagen, würde man noch nicht einmal unbedingt verlieren. Würde man aber versuchen seine Formen und Techniken anwenden zu wollen, würde das ohne Zweifel zu einer Niederlage führen. 

 

Auch die Theorie der 5 Wandlungsphasen, die sich gegenseitig hervorbringen und besiegen, ist  etwas völlig absurdes. Wie kann man bei einem Entscheidungskampf im Moment der über Sieg und Niederlage entscheidet sich noch Gedanken über so etwas machen!? Wenn man sich auf das was die Augen sehen können verlässt und sich dann auch noch immer wieder Gedanken dazu machen muss um dann entsprechend eine Anwendung anzubringen, das kann eigentlich nur zur Niederlage führen. Ich befürchte, dass der Theorie über das Hervorbringen und Besiegen nicht einmal ein drei Fuß großes Kind glauben schenken würde (wer soll dann noch daran glauben?/wer glaubt denn wirklich daran?) Mann muss einfach nur jemanden fragen der schon einmal an einem Entscheidungskampf teilgenommen hat und es wird ihm klar werden, dass meine Worte nicht an den Haaren herbeigezogen sind. 

Schaut man sich die Aufzeichnungen über die 5 Wandlungsphasen im Kapitel Hongfan des Hanshu an, dann hat man die Wandlungsphasen Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde aus einem gewissen Bedarf heraus entwickelt und auf die Politik und das Volk angewendet. In späteren Generationen wurde dieses Konzept dann von einfachen Leuten aus dem Volk mit schlechter Bildung missbraucht und immer weiter verfälscht, bis es sich zu dem entwickelt hat, was heute allgemein  als Theorie über das gegenseitige Hervorbringen und Besiegen bekannt ist. Das ist nichts anderes als Gerede von Vagabunden und Scharlatanen. Wie kann man als Gebildeter auf die Idee kommen so etwas zu studieren?

 

Was nun die Sache mit den festen Kampfkunstformen angeht, sind diese alle mehr oder weniger künstlich vom Menschen entwickelt. So verhält es sich auch mit einzelnen Techniken und Methoden, die nichts anderes als von Menschen entwickeltes sind. Es ist alles keine Wissenschaft von Grundsätzen der Kampfkunst, wie man wieder seine natürlich angeborenen Fähigkeiten entwickeln kann. Selbst wenn jemand äusserst solide Fertigkeiten besitzt und daran glaubt, mit stoischer Geduld und Willenskraft alles erreichen zu können, lässt er doch letztendlich die eigentlich Essenz unberührt liegen und widmet sich Äusserlichkeiten zu. 

 

Man muss sich klar sein, dass die Kampfkunst überhaupt keine Techniken kennt. Oder andersherum gesagt könnte man auch sagen, dass es nichts gibt, woran sich die Kampfkunst nicht orientieren würde. Doch sobald es Techniken gibt, ist die Geist-Körper Verbindung nicht mehr eine Einheit, die Kraft nicht solide, die Bewegungen werden uneinheitlich und langsam und sind nicht mehr entschlossen und schnell. Es wirkt einfach nicht mehr alles als eine Einheit zusammen und widerspricht den ursprünglich angeborenen Fähigkeiten, die jeder Mensch besitzt. 

 

Wenn man schon von Techniken oder Methoden spricht, dann sind es grundlegende Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien und keine oberflächlichen, bruchstückhaften und steifen Techniken. Wer oberflächliche Techniken und Methoden lernt, der ist wie ein schlechter Arzt, der seine fest gelernten Rezepte bereit hält und auf Patienten wartet. Die Patienten müssen dann Krankheiten entsprechend seiner Rezepte haben, da er sonst seine Fähigkeiten nicht zur Anwendung bringen kann.

Wer auch immer feste Formen und Techniken als Kampfkunst bezeichnet, der vermengt nicht nur den eigentlichen Sinn der Kampfkünste mit phantastischen Geschichten und bringt alles durcheinander, sondern der sondert sich geradezu von diesem Sinn ab. 

 

Es ist immer wieder schade mit anzusehen, wie viele heute Kampfkünste erlernen wollen, aber selbst wenn sie voller Ambitionen sind sich darin zu vertiefen, doch kein Tor finden, das einem einen Weg dorthin eröffnet. Deswegen habe ich mich über alles hinweggesetzt und habe mir geschworen all diese Missstände aufzudecken. 

 

Wie kommt es nun, dass obwohl es klar ist, dass all die festen Formen und Techniken rein gar nichts bringen und obendrein sogar noch schädlich sind, dass sie von so vielen unterrichtet und geübt werden? 

Es liegt wohl daran, dass kein wirkliches Verständnis vorliegt und man neugierig auf Aussergewöhnliches ist. Sagt man nun die Wahrheit, ist sie meistens nur schwer zu verstehen und selbst wenn man sie verstanden hat, ist sie immer noch schwer in die Realität umzusetzen. Denn die meisten der Übenden wollen mit dem Erlernen von Formen andere Beeindrucken und sich vor den Menschen damit brüsten. Diejenigen die solche Sachen weitergeben benutzen feste Formen und Techniken um ihre Schüler unten zu halten. Ausserdem ist es ein gutes Mittel sich die Zeit zu vertreiben und es eignet sich sehr gut Geld damit zu verdienen. Dabei wissen sie nichtmal was Kampfkunst überhaupt ist. So führen sie sich auf einer endlosen Spirale selbst und gegenseitig an der Nase herum in die Irre. Das ist wirklich sehr bedauernswert und zum Heulen und kann einen ziemlich ärgerlich stimmen. 

 

Es ist aber leider nicht nur was den Sinn der Kampfkünste angeht so, sondern ich habe das Gefühl, dass jegliche Form von Wissenschaft und Handwerk sich immer mehr in einer abnormalen Art und Weise entwickelt. Ich bringe es einfach nicht übers Herz dabei zuzuschauen, wie Menschen auf demselben Weg wie man selber immer mehr auf Abwege geraten und keiner dabei eine rettende Hand ausstreckt. Deswegen ist mir all das was ich über die Jahre an praktischer Erkenntnis und konkreter Erfahrung angesammelt habe, alles das was ich bekommen und verstanden habe, nicht zu schade immer wieder zu erklären, um all das absurde offenzulegen und zu hoffen Gleichgesinnte damit wachrufen zu können nicht mehr weiter an den Verirrungen festzuhalten. 

 

Vom Prinzip her ist eigentlich alles was es an hoher Kunst von Wissenschaft und Handwerk zwischen Himmel und Erde gibt immer so angelegt, dass es von der Form her einfach ist, aber von der Idee her komplex. Komplizierten Formen kommt eigentlich so gut wie nie eine essentielle Bedeutung zu. Das trifft nicht nur auf den Sinn der Kampfkünste zu. Es ist etwas das sich Gleichgesinnte bedacht zu Herzen nehmen sollten. 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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