Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 12

7. Über den Gebrauch von Kraft

Neben Geist und Idee ist vor allem der Gebrauch von Kraft von entscheidender Wichtigkeit. Doch es handelt sich um eine Kraft von ursprünglich angeborener Natürlichkeit, nicht um einseitige Kraft. Doch das muss man sich zum größten Teil durch Experimentieren mit Kraft wieder erarbeiten. 

 

Beim Üben muss man zunächst von der Einseitigkeit einer abschnittsweise getrennten Kraft ausgehen und so nach der Ganzheitlichkeit von Kraft streben. Dann davon ausgehend, in einer ganzheitlich auf einen Punkt gerichteten Kraft, versuchen, ein Gefühl für die Verteilung von Fülle und Leere zu bekommen. Dann muss man wiederum durch das Probieren mit einseitiger  Anspannung und Entspannung das richtige Gefühl für die (ganzheitliche) Entladung von Kraft bekommen. Darüber hinaus muss man durch ein richtiges Gefühl für die Entladung von Kraft lernen, wie man durch Lösen und Verbinden einer Art Ganzkörperwahrnehmung mit dem Ziel und die schneidende Wucht von wellenartiger Spannkraft benutzt, um die Fähigkeit zu erlangen, bei der kleinsten Berührung Kraft entladen zu können.

Man sollte immer bereit sein für Angriff und Verteidigung und in jedem Moment das Gefühl haben sich mit einem schweren Gegner zu messen. Vor allem muss man sehr Acht geben auf den Punkt den man schlagen möchte. Man darf auf keinen Fall schlagen ohne ein klares Ziel im Visier zu haben. Wenn man eine leere Stelle sieht sollte man nicht schlagen, sondern auf die Volle zielen, denn man muss wissen, dass genau die volle Stelle leer ist. Fülle und Leere verlagern sich wie ein Achspunkt. Wenn man das nicht erfahren hat wird man es nie begreifen. 

Planlos drauflos zu schlagen hat auch seinen Vorteil. Doch es kommt darauf an wer der Gegner ist. Eine leichte Drehung aus dem Frontalen und schon ist man auf der Flügelseite. Einem direkten Schlag über die Flügelseite zu begegnen, damit kann man jemanden direkt bedrängen und sich gute Vorraussetzungen schaffen. Man muss fleissig trainieren und streben ohne Nachlass. In Ruhe und Bedacht muss man der Bedeutung von Aufrichtigkeit, Besonnenheit, Sinn/Idee und Echtheit nachsinnen. 

 

Unter dem Aspekt auf Leben und Tod zu kämpfen, ist ein Kampf ein Entscheidungskampf. In einem Entscheidungskampf gibt es keine moralischen Grundsätze mehr. Vor allem muss man sich an 6 wichtige Leitlinien halten: Entschlossenheit, Willigkeit, Kaltblütigkeit, Vorsichtigkeit, Standhaftigkeit und Präzision. Darüber hinaus muss man die Entschlossenheit haben mit dem Gegner zusammen zu sterben. 

Ist man nicht in der Lage einen Volltreffer zu landen, dann darf man auch nicht zuschlagen. Sobald man sich bewegt (schlägt), muss es zum Tode führen. Erst dann darf man zuschlagen. Wenn man diese Entschlossenheit besitzt, dann führt eigentlich jeder Kampf zum Sieg. Das betrifft den Kampf mit einem gleichwertigen und starken Gegner. 

Wenn die Fähigkeiten (des Gegners) jedoch schlechter sind, dann hat man keinen Schaden dabei nachzugeben. 

Wenn es sich um einen Besuch unter Gleichgesinnten handelt und es geht darum sich in seinen Fähigkeiten zu vergleichen, dann fällt das in den Bereich freundschaftlicher Vergleich. Beim freundschaftlichen Vergleich geht es um das Erforschen und Diskutieren. Das ist etwas ganz anderes als ein Entscheidungskampf. Dabei ist es wichtig auf moralische Grundsätze zu achten. Dabei muss man vor allem darauf achten wie die Fähigkeiten seines Partners sind. Wenn sie sehr weit auseinander liegen, dann muss man ihn gewähren lassen, so dass er am Ende eine gewisse Ehrfurcht und Dankbarkeit empfindet. Vor dem Vergleich ist es wichtig jemanden mit Höflichkeit den Vortritt zu lassen. In seiner Wortwahl sollte man freundlich sein und in seinem Ausdruck auf eine gewisse Etikette achten. Man darf auf keinen Fall arrogant und ungeduldig sein. Das wäre eine Verletzung der Edelmütigkeit. 

 

Wenn man sich an diese Grundsätze hält, dann werden die Tugenden der Kampfkünste wieder langsam etabliert werden und dieser alte Weg wird noch lange weiter existieren. Das wäre auch die höchste Ehre für den Weg meiner Kampfkunst. Darin hege ich große Hoffnungen. 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

 

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