Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 7

2. Über das experimentieren mit Kraft

Wenn man mit den oben beschriebenen Grundlagenübungen erstmal eine gute Basis hat, dann wird sich die Entwicklung der natürlichen Fähigkeiten von Tag zu Tag immer weiter verbessern. 

Dann sollte man fortfahren und beginnen mit den Kräften zu experimentieren, um so verschiedene Formen von Kraft konkret zu erfahren und wahrzunehmen, so dass man sie auch in der reellen Anwendung umsetzen kann. Diese Arbeit ist im Training der Kampfkünste der wichtigste, aber auch der schwerste Teil. 

Denn durch experimentieren mit Kraft gelangt man and den Ursprung von Kraft und Kraft lernt man erst dadurch verstehen, dass man mit ihr experimentiert. Erst durch das Verständnis von Kraft gelangt man zu einem effektiven Nutzen davon. 

 

Wenn man übt, sollte der Körper in einer gleichmäßigen Wohlspannung sein. Der ganze Muskelapparat ist wie leer und lebendig, ganz ohne Bruchstellen. Man versucht konkret wahrzunehmen, wie durch jede Pore am ganzen Körper ein Gefühl weht, wie von einer leichten warmen Brise hin und her bewegt zu werden. Dabei sollte aber das ganze Knochengerüst und alle Härchen tragend aufgespannt sein und sich gleichzeitig sammeln und weiten. Es ist ein ständiges sich bedingen von miteinander ringenden Kräften, die doch zurückgehalten werden. Je feiner die Bewegung ist, desto voller ist der Geist; Langsamkeit ist der Schnelligkeit überlegen und Gelassenheit bringt mehr als eine gedrängte Erzwungenheit: es ist so, als ob man sich in Bewegung setzt und doch stoppt, bzw. so, als ob man stoppen wollte und sich doch weiterbewegt; noch vielmehr ist es so, als ob man während der Bewegung stoppen müsste und man sich während des Stoppens weiterbewegen müsste. Auf diese Weise muss man versuchen mit seinem Körper zu erfahren und zu verstehen, ob die Idee und Wahrnehmung zusammen mit den Kräften im ganzen Körper zur vollen Entfaltung kommen oder  nicht; ob die Wahrnehmung und Kräfte sich zu jeder Zeit und an jedem Ort beim kleinsten Gefühl entladen könnten oder nicht; ob die natürlichen Fähigkeiten des ganzen Körpers mit den Kräften des Universums in Verbindung stehen oder nicht und ob die Kräfte, die man sich mithilfe einer Idee versucht anzueignen, auch wirklich konkret und echt geworden sind oder nicht? 

 

Wenn man mit den Kräften des Universums in Einklang kommen möchte, dann muss man erst ein Gefühl für die Luft/Atmossphäre (um einen herum) bekommen. Hat man dafür erst einmal ein Gefühl, dann kann man sich auch Stück für Stück immer feiner damit abstimmen. Dann kann man mit der Wirkung von wellenartiger Anspannung und Entspannung im Spiel mit der Luft und mit den Gegeneinander wirkenden Kräften der Erdanziehungskraft im Verhältnis zu einem selbst experimentieren. Wenn man das übt, dann muss man die Art der Qualität des Luftwiderstandes versuchen zu erfahren. Das heisst, ich setze genau so viel Kraft ein, wie der Widerstand auf den ich treffe. Deshalb ist die Kraft die man einsetzt immer auf ganz natürliche Weise weder zuviel noch zu wenig. 

Am Anfang kann man es zunächst nur mit den Händen und Armen machen und im Laufe der Zeit immer mehr den ganzen Körper zum Einsatz bringen. Wenn man diese Art von Kraft kennen lernen kann, dann werden sich die natürlichen Fähigkeiten Stück für Stück immer weiter entwickeln. Übt man sich über eine lange Zeit beständig darin, dann wird sich ganz von alleine eine immer wunderbarere Wirkung einstellen wie man es sich kaum vorzustellen vermag und es wird nicht schwer sein ein Gefühl für die verschiedenen Arten von Kraft zu bekommen. 

 

Was nun die ungebrochene Wahrnehmung angeht; die Lebendigkeit die sich nicht zerstreut; wie alles eine Einheit ist; wie bei der Bewegung der kleinsten Stelle der gesamte Körper in Bewegung kommt; wie man Oben und Unten, Links und Rechts und Vorne und Hinten nicht vergisst und nicht verliert: ist man nun nicht in der Verfassung, dass all das ganz entspannt und kraftvoll ist und man in die Verfassung kommt ständig neue interessante Dinge zu entdecken, dann kann man noch nicht davon reden, schon das wunderbare der Kampfkunst erfahren zu haben.

 

Die Kräfte mit denen man experimentiert haben sehr viele verschiedene Namen: wie z.B. ladende Kraft, schnellende Kraft, schockierende Kraft, öffnende und schliessende Kraft, sowie wiederholte Beschleunigung, die Mitte stabilisieren, seidenspulende-, aufspannende-, träge-, dreiecks-, spiralförmige-, hebel-, achs-, seilwinden- und schräglaufende Kraft. All diese Kräfte lernt man durch das experimentieren zu verstehen. Denn alle Gelenke des Körpers, bis in’s kleinste Detail hinein, sind voll geladener Spannung — und zur selben Zeit gibt es auch kein Gelenk, welches nicht in sich die Entladung und Öffnung trägt. Das ist die Bedeutung von „sammeln und entladen Bedingen sich gegenseitig“. 

Deswegen gibt es keine Gelenke die nicht ein stumpfes Dreieck bilden und keine Flächen, und schon gar keine festen Dreiecke (die mechanischen Namen sind die selben, die Methode ist jedoch eine andere).

 

Es ist so, dass Kraft in der Kampfkunst immer von der geistigen Seite her erfahren und verstanden wird. Der Körper spielt dabei eine sehr subtile Rolle. Von aussen betrachtet sieht es so aus, als ob er sich nicht bewegen würde, wobei die Spiralen die sich aus den Dreiecken ergeben eigentlich ständig ohne Ende in allen Richtungen am Rotieren sind. 

Man muss wissen, dass sich die Kräfte zerstreuen wenn die Bewegung zu grob ist. Der Geist sich aber in der Bewegungslosigkeit sammelt. Doch das kann man erst verstehen wenn man es erfahren hat. Denn die spiralförmige Kraft, wenn ich sie von meiner Erfahrung her betrachte, muss sich zwangsläufig aus der Dreieckskraft ergeben. Darüber hinaus sind jegliche Formen von Kräften alle ein gegenseitiges Bedingen von aufwallenden Muskeln und Sehnen und der Zuhilfenahme von geistigen Vorstellungen. All das hat ganz Enge Beziehungen untereinander. Wenn man es getrennt voneinander behandeln würde, dann würde man nur bei einseitigen Techniken landen. Deswegen ist es ohne die direkte mündliche und gefühlsbetonte Übertragung eigentlich kaum zu erlangen. Noch viel weniger durch eine detaillierte Beschreibung. Deswegen macht es keinen Sinn weiter detailliert darüber zu schreiben.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Kräfte in ihrer Anwendung eine Konzentration des Geistes sind, Innen und Aussen auf’s Engste verbinden und alle implizit vereinigt sind. Wenn man isoliert von ihnen sprechen würde, dann würde sich formenhafte Bewegung im Körper zeigen und es würde zu einem mechanischen Kampfkunstweg führen, der nicht mehr von Geist und Bedeutung bestimmt wäre. 

 

Aufgrund meiner über 40 jährigen Erfahrung und ununterbrochenen Bemühung, ist mir bewusst geworden, dass jegliche Form von Kraft aus einer runden, sich nach aussen weitenden Einheit und dem leer werden von sich selbst heraus entsteht. Doch diese runde Einheit und das Leer sein muss man wiederum von den kleinsten Ecken und Kanten her langsam mit seinem Körper verstehen lernen. Nur so kommt man dort hin. Deswegen ist mir auch klar geworden, dass ein jegliches Handwerk zwischen Himmel und Erde stets auf Gegensätzen beruht — die zur selben Zeit aber doch in sich vereint sind. Erst wenn man Gegensätze vereint, dann kommt alles zusammen. Erst dann kann man aus dem Nutzen von Arbeitsteilung und Kooperation profitieren. Ansonsten ist es nicht einfach zu einer gewissen Klarheit zu gelangen. 

 

Was nun die Anwendung angeht und das wesentliche dieser runden Einheit, so hat das absolut gar nichts mit dem Aussehen der äusseren Form zu tun. Es hat auch nichts mit der Komplexität einer Haltung zu tun. Egal ob man mit einer Hand rauskommt; mit beiden zurückkommt; mit beiden herauskommt; direkt nach vorne eindringt; quer läuft oder direkt rammt; ob direktes oder schräges in gegenseitiger Spannung steht; ob ein Gelenkabschnitt des ganzen Körpers oder nur ein Punkt, eine Fläche oder Linie: alle Methoden beinhalten bis in das kleinste Detail hinein die Unterscheidung in vorher - nachher; leicht - schwer sowie Entspannung und Anspannung. Die Form (der Bewegung) darf sich jedoch äusserlich wahrnehmbar nicht zeigen und die Kraft darf nicht ihre Mitte verlieren. Es darf auch keine Unterbrechung geben und noch viel weniger darf man ein Gefühl der Richtung und von Schwere und Leichtigkeit vermitteln. Egal ob man mit der Kraft experimentiert oder ob man Kraft entlädt, man muss stets eine konkrete Wohlspannung beibehalten. Die Kräfte sind vor dem Entladen gesammelt um seine Wahrnehmung nicht zu verlieren und um auf den Moment der Berührung zu warten. Der Geist ist gesammelt und die Knochen halten ihre scharfen Kanten verborgen. 

Das Wesentliche dabei ist, dass man sich vorstellt, im Abstand von einer Schwertlänge um einen herum, von einem schützenden Netz umgeben zu sein. Der Raum im Inneren ist von Klingen und Spitzen nach allen Richtungen hin erfüllt, die wie ein mit unzähligen Pfeilen gespannter Bogen jeden Moment zum Abschuss bereit stehen. Dennoch weitet und zieht sich alles zusammen und bewegt sich durch die kleinsten Härchen und Muskeln und Sehnen. Am ganzen Körper, Innen sowie Aussen, hat man bis in den feinsten Bereich hinein das Gefühl als ob sich alles in Kugellagern bewegt und scharfe Kanten entfaltet. 

Über die Zuhilfenahme von Vorstellungen verschiedenster unermesslicher Kräfte zu reden wird nun ein wenig zu komplex. Daher kann ich darauf im Konkreten nicht näher eingehen. Der Lernende kann es aber durch seinen Geist verstehen lernen. 

 

Wenn man nun die ganzen Kräfte von denen oben die Rede war mit seinem Körper umsetzen kann, dann darf aber nicht der Meinung sein, dass der Weg des Lernens Kampfkünste hier schon zu Ende sei. Man hat lediglich erst einmal nur eine gute Grundlage welche überhaupt erst die Grundvorraussetzung ist, die Kampfkunst wirklich studieren zu können. 

Wenn erst einmal jede Bewegung frei wird im Spiel von Spannung und Lösung von Kraft und man dabei nicht seine Mitte verliert; wenn die zentrale Idee von Einheit in Wandel von Fülle und Leere erfasst ist, dann muss man noch viel Erfahrung sammeln im Austausch mit schweren Gegnern und praxisbezogenen Meistern ihres Faches. Ansonsten ist das alles nicht leicht umzusetzen. Dafür braucht es äusserste Begabung, eine aussergewöhnliche Vermögen und vor allem ein sehr solides Grundlagentraining. Erst dann kann man immer mehr dahin kommen nicht mehr extra überlegen zu müssen und sich nicht mehr um Vorstellungen bemühen zu müssen. Das ist die lebendige Kraft, wenn sich ein Ergebnis einstellt ohne davor eine feste Vorstellung davon gehabt zu haben; man nicht mehr weiss wie es dazu kam nachdem es dazu gekommen ist: die ursprüngliche Fähigkeit der senso-motorischen Wahrnehmung. 

 

Was die konkrete Ausführung auch der geringsten punktuellen Kraft angeht, muss man jegliche nicht zielgerichtete Bewegung tunlichst vermeiden, d.h., „einen Pfeil ohne Ziel abzuschiessen“. Dennoch, man muss dahin gelangen, dass man was den ganzen Körper angeht kein Ziel haben darf wenn man den Pfeil abschiesst. Ansonsten ist es schwer in den Bereich des wunderbaren zu gelangen. 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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