Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 6

Trainingsinhalte: 1. Über das Stehen

Das Grundlagentraining dieser Kampfkunst ist das Stehen. Der Nutzen und die Wirkung des Stehens besteht darin, dass die Nervenleitbahnen trainiert werden, die Atmung reguliert wird, das Blut frei zum fliessen kommt und Muskeln und Sehnen sich weiten können und harmonisiert werden. Es ist wahrlich eine Wissenschaft von der Pflege des Lebens, der Körperertüchtigung, der Bildung der Mentalität und es ist auch eine ganz normale sportliche Betätigung die den Grundsätzen der Gesundheitspflege entspricht. 

Des weiteren wird dann mit der Kraft und mit der Stimme  experimentiert (shi-li, shi-sheng) und man versucht durch die Zuhilfenahme von Ideen verschiedene Prinzipien mit dem Körper zu erfahren. Als letztes kommt dann die Selbstverteidigung. 

Man versucht zu lernen mit der Kraft der Atmosphäre umzugehen, die Wellenartige Anspannung und Entspannung, natürliche/instinktive Wahrnehmung und die Wichtigkeit der gegenseitigen Bedingtheit von Fülle und Leere. 

Ich werde nun auf jede Stufe, eine nach der anderen, genauer eingehen.

 

Das Stehen

Zu Stehen wie ein Pfeiler bedeutet ausgewogen, stabil und aufrecht zu Stehen. Am Anfang stehen  grundlegende Stehübungen. Die Übung besteht darin zunächst das Gerüst des ganzen Körpers in rechter Weise auszurichten. Innerlich sollte man klar und leer werden, äusserlich alles abfallen lassen um ganz natürlich in eine Wohlspannung zu kommen. Der Kopf ist gerade, die Augen ausgerichtet, der Körper aufrecht, der Scheitel senkrecht ausgerichtet, der Ausdruck erhaben, die Kraft ausgewogen, die Gemütsverfassung ruhig, der Atem gleichmässig, das Bewusstsein in die Weite verlagern, die Behaarung ist wie aufgerichtet und der Hüftbereich ist entspannt, alle Gelenke des Körpers sind so, als ob sie sich etwas krümmen würden. Die Gedanken sind wie weggefegt und man steht in Stille der offenen Weite gegenüber. Die Gedanken folgen nicht den äusseren Reizen und die äusseren Reize rufen keine Gedanken hervor. Man nimmt den Raum über seinem Kopf war, als ob man leer von sich selbst nur ganz alleine existieren würde. Die Haare am ganzen Körper beginnen sich nach aussen zu weiten als ob sie sich kerzengerade aufstellen würden. Der ganze Körper, innen wie aussen, kommt dabei ins Schaukeln und Wogen. Man kommt sich vor wie ein edler Baum der mit seinem Wipfel bis in die Wolken hinaufreicht. Wie von oben mit einem Seil befestigt und von seinem Wurzelwerk getragen. Das Gefühl dieses rhythmischen, in sich durchdrungenen Wogens kann mit Schwimmen in der Luft verglichen werden. Es kommt sehr nah daran heran. 

 

Dann kann man im nächsten Schritt seine Aufmerksamkeit darauf richten, den Bewegungszustand der Muskeln und Zellen zu erfahren. Wenn man nach einer gewissen Zeit des Trainings ein Gefühl dafür bekommen hat, dann wird man ganz von selbst verstehen, dass dies eine sehr gesunde Form des Sports ist. Normal und gesund bedeutet hier, dass dies der direkte Weg ist seine gesamte Physis zu verändern. Bei Blutarmut führt es dazu, dass sich das Blut vermehrt und Bluthochdruck senkt sich wieder auf ein normales Niveau. Das hängt damit zusammen, dass ganz egal wie man sich bewegt, der Herzschlag nie seinen normalen Rhythmus verliert und das Herz sich normal entwickeln kann. 

 

Was das Bewusstsein angeht, sollte man den Körper als einen großen Schmelzofen betrachten in dem alles geschmolzen und wahrgenommen wird. Man sollte wahrnehmen, wie jede Zelle auf natürliche Weise in einer Einheit mit allem zusammen arbeitet. Nichts darf auch nur im geringsten erzwungen sein. Auch darf man sich nicht in Phantasien verlieren. 

 

Wenn man so wie oben beschrieben trainiert, dann werden ganz konkret alle Muskeln, ohne dass man die gezielte Absicht hätte, von ganz alleine trainiert und die Nerven werden, ohne dass man die gezielte Absicht hätte, auch von ganz alleine genährt. Im ganzen Körper macht sich ein sehr angenehmes Gefühl breit und auch die Ausstrahlung beginnt sich immer mehr zu verändern. So ist es auch nicht schwierig, dass sich die ursprüngliche, natürliche Kraft langsam immer mehr von innen nach aussen entwickelt. 

Doch man muss aufpassen, dass man weder mit dem Körper noch mit dem Geiste versucht etwas erzwingen zu wollen. Denn sobald sich eine gewollte Anstrengung im Körper ergiesst, so verliert man seine Wohlspannung. Verliert man seine Wohlspannung, so gerät der Atem ins Stocken, die Kraft wird steif wie ein Brett, die Wahrnehmung lässt nach und der Geist bricht ab. Dann stimmt gar nichts mehr im Körper.

 

Prinzipiell kann man sagen, dass egal ob man Steht, mit der Kraft experimentiert oder Sparring macht, sobald man ausser Atem gerät oder das Zwerchfell unter Spannung gerät, dann ist etwas nicht in Ordnung. Ich hoffe dass jeder Übende acht darauf gibt und es sich zu Herzen nimmt.  

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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