Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 5

Über die Abstraktheit von Fülle und Leere, sowie über die Erfahrung von Leerheit und Konkretheit.

Es gibt nicht nur eine Form von Grundlagentraining durch das man sich den Kampfkünsten nähern kann, aber die Essenz davon ist etwas wunderbares, da die Funktion von Ausdruck und Form, bzw von Bewusstsein und Kraft sich letztendlich ganz und gar gegenseitig bedingen. Diese Art von Funktion ist etwas, dass man weder sehen noch hören kann und sowohl ohne Körper als auch ohne Form ist. Betrachtet man es von seiner konkreten Seite her, so ist es wie eine im Wind wehende Fahne, die ohne feste Form umherflattert und sich nur nach der Kraft des Windes richtet. Das ist die Bedeutung von „sich mit der Atmosphäre zu verbinden“.

Es ist auch wie ein Fisch in den Wellen, der ohne Richtung dem Wogen der Wellen folgt, auf und ab, hin und her, vor und wieder zurück, je nachdem wie die Wellen ihn tragen. Man wird einfach nur vom Impuls der Wellen bewegt, drückt sich entsprechend des Gefühls aus und die Geisteskräfte sind in lebendiger Leere und Stille gesammelt.

Der springende Punkt dabei ist in der Leere und Abstraktheit nach dem konkreten zu tasten/forschen, sowie im konkreten das auszuloten was man nicht hat. Das ist im Prinzip wirklich nichts anderes als was Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus zum Ausdruck bringen wenn sie sagen: „durch das Ungeschaffene zum Geschaffenen“; „alle Dharmas sind leer, das ist ihre konkrete Gestalt“ sowie „alle Wissenschaft ist sich letztendlich trotz ihrer vielen Namen doch sehr ähnlich“.

Oder z. B. die Tuschmalerei, wo der Künstler es versteht mit Kraftvoll freiem Pinselstrich die weiten/Tiefen der Schöpfung zu durchschreiten. Man kann sagen, dass das im Prinzip dasselbe ist. Inspiration und Ausdruck sind vollkommen im Raum zwischen Formlosigkeit und der doch täuschend ähnlichen Form wieder zu erkennen. Indem man ihrer Idee (yi) nachsinnt, kann man sie verstehen.

Deswegen die Warnung davor vor einem Spiegel zu üben. Denn es ist zu befürchten, dass in dem Moment wo man zu sehr auf seine äussere Form achtet, man im Inneren leer wird und der Geist dann durcheinander gerät. Wenn man trainiert, kann man sich vorstellen, dass im Umkreis von drei bis sieben Fuss von allen Seiten starke Feinde mit großen Säbeln und breiten Äxten kommen oder wilde Tiere und giftige Schlangen sich immer weiter nähern. Dieser Situation eines Kampfes auf Leben und Tod muss man mit großer Furchtlosigkeit begegnen, um in der Leere nach dem konkreten zu streben.

Sobald aber die wirklichen Feinde um einen stehen, geht man mit ihnen so um, also ob sie gar nicht existieren würden, um so im konkreten nach der Leere zu streben. Das wesentliche ist im täglichen Training dieses Körpergefühl immer weiter zu vertiefen und sich zu eigen zu machen.

 

Zusammenfassend kann man sagen, es kommt alles aus dem Abstrakten. Das ist die Bedeutung davon wenn es heisst, dass ‚wenn Ausdruck und Idee voll ausgeprägt sind, man nicht mehr nach der äusseren Form zu suchen braucht‘. 

 

Es ist sehr wichtig darauf zu achten, beim Üben alles langsam auszuführen, der Geist dagegen sollte aber schnell sein; die Hände gehen nicht leer nach draussen und das Bewusstsein kommt nicht leer zurück; selbst die kleinsten Bewegungen und Kraftpunkte müssen ganz konkret bis in’s feinste hinein voll ansprechen/reagieren; Innen und Aussen sind verbunden; Fülle und Leere brauchen sich gegenseitig und sind eigentlich aus einem Guss.

Es ist wichtig, dass man zu jeder Zeit und an jedem Ort stets mit seinen natürlichen Fähigkeiten/auf natürliche Weise bereit ist auf einen Kampf zu reagieren. Sobald man aber nach Geschwindigkeit strebt, gleitet der ganze Prozess einer Bewegung wie im Fluge an einem vorbei. Wie soll man da noch die Wirkung einer konkreten Körpererfahrung ausbilden? Deswegen sollte man am Anfang das Stehen als Grundlagentraining machen und erst nachdem mann nach und nach beginnt mit seinem Körper zu verstehen weiter fortzuschreiten.

Wie auch immer, Ausdruck und Form, Bewusstsein und Kraft müssen Eins werden. Auch die 4 Zentren müssen vereint werden (Scheitelzentrum, Wesenszentrum, Hand- und Fusszentrum); die Nervenleitbahnen müssen vereint werden; alles kommt durch die kleinste Bewegung in Gang und bis in’s feinste hinein arbeitet alles zusammen: der gesamte Mensch mit all seinen Gliedern ist darin enthalten und es gibt nichts das sich irgendwo aufhängt oder das etwas in’s Stocken gerät.

Wenn man dann noch weitergeht und es versteht sich mit der ganzen Atmosphäre zu verbinden, sowie Anspannung und Entspannung sich an allen Kraftpunkten gegenseitig bedingen, dann ist man eigentlich ganz nah dran. „Ausserhalb seines Körpers gibt es nichts nachdem man streben könnte; jedoch auf seinen Körper fixiert zu sein wird man auch keine Stelle finden die einen weiter bringt.“ Wie wahr doch diese Worte sind! Wenn man nur aufmerksam darüber nachsinnieren würde, würde man eigentlich auch von ganz alleine einen Blick in die grüssen Hallen des Kampfkunstweges werfen können und Stück für Stück das wunderbar verborgene darin verstehen können. 

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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