Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 4

Über einfache bzw. doppelte Schwere und sich nicht an äusserer Form aufzuhängen

Unter dem Aspekt der Prinzipien und Funktionsweise des Kampfkunstweges gesehen, ganz unabhängig davon ob es sich um das alltägliche Training dreht oder ob es während des Kampfes ist, muss der ganze Körper immer in einer ganzheitlichen Grundspannung sein, ohne auch nur die geringsten Ungleichheiten. Wenn es auch nur die geringste Unausgeglichenheit gibt, so bedeutet das, dass der Körper sich an der Form aufgehängt hat und Kraft sich im Körper bricht. Geist und Form, sowie Bewusstsein und Kraft dürfen sich nicht an äusserer Form aufhängen. Sobald sie sich daran aufhängen kommt es zu Einseitigkeit. Das ist einmal für die Lebenspflege nicht gut und darüber hinaus kann es vom Gegner ausgenutzt werde. Ein Schüler sollte sehr darauf achten.

Was nun diese ausgeglichene Grundspannung angeht, so ist das keineswegs etwas starres. Denn sobald man steif wird, begeht man leicht den Fehler der doppelten Schwere. Aber man darf auch nicht übermässig bewegt sein. Zu lebendig zu sein führt leicht zu Oberflächlichkeit und hat keinen praktischen Nutzen. Konkret bedeutet das sich zu bündeln und zu entladen; man speichert die Kraft in den Bögen und auch wenn man die Kraft entlädt darf die (Grundspannung) nicht abbrechen. Das ist die Bedeutung von „die Kraft darf nicht verlorengehen“. Deshalb ist doppelte Schwere nicht einfach nur auf beide Beine bezogen, sondern Kopf, Hände, Füße, Schultern, Ellbogen, Knie und Hüft-Beckenbereich, sowie alle großen und kleinen Gelenke, bis hin zum kleinsten Kraftpunkt. Alles kann unterschieden werden in einfache und doppelte Schwere; Anspannung und Entspannung; Fülle und Leere, sowie leicht und schwer. 

Heute die neigen die allermeisten Kampfkünstler jedoch dazu, von einer einseitigen einfachen Schwere hin zur absoluten doppelten Schwere zu rutschen. Und noch vielmehr dann von der absoluten doppelten Schwere hin zur kompletten Steifheit. Die Wissenschaft von der einfachen und doppelten Schwere ist tatsächlich etwas von großer Komplexheit und sie geht immer weiter verloren. 

Schaut man sich heute die Kampfkunstklassiker der verschieden Linien an, so stimmt da im Prinzip nichts mehr. Die (abgebildeten) Autoren hängen sich an der äusseren Form auf, verstossen gegen Grundgebote und der Körper bildet überhaupt keine Einheit. All die Stellungen sind wirklich grotesk auf’s äusserste und wirken wie eine Betäubungsspritze für die Menschen (alt.: verdrehen das Fleisch der Menschen). Je mehr man so etwas lernt, desto mehr entfernt man sich vom eigentlich Weg der Kampfkünste. Hängen sie sich nicht an der Form auf, dann werden sie total steif und sobald sie sich an der Form aufhängen, dann ist es ein komplettes Chaos. Und wenn man dann mal jemandem begegnet der von Natur aus das wunderbare der einfachen Schwere besitzt, so ist das auch nichts anderes wie doppelte Schwere, da er nicht im Stande ist zu begreifen was es bedeutet. Letztendlich bringen sie es dann immer so weit, alles unbequem und unnatürlich zu machen, so, dass die ganze Struktur des Körper seine Ordnung verliert. So kommt es dann dazu, dass man letzten Endes nicht mehr anders kann als sich auf die Abwege von schablonenhaften und starren Techniken zu begeben. Man verliert dann für immer die Fähigkeit der Situation entsprechend zu reagieren und unberechenbar zu sein. Vielmehr noch wird man nicht mehr in der Lage sein seine natürlichen Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Das ist eigentlich eine sehr traurige Situation. 

Was nun Geist und Bewusstsein angeht, diese nicht an der Form aufzuhängen, so gibt es keine andere Möglichkeit als dies in der Praxis, durch lebendige Kraft der natürlichen Fähigkeit im Moment des Kontaktes, zu überprüfen. Z.B. in einem Entscheidungskampf in dem Moment wenn es um alles geht. Dann hat man keine Zeit mehr zu zögern. Sobald man in Kontakt ist, sich aber noch nicht berührt hat, dann weiss man noch nicht wie man reagiert. Sobald es erledigt ist, weiss man jedoch auch wieder nicht was man eigentlich gerade gemacht hat. Das ist die Bedeutung von „absichtslos offen sein" und „nicht zu wissen wie etwas Zustande gekommen ist“. Man sagt auch, dass dies die äusserste Mitte und höchste Harmonie ist in der die ursprüngliche Kraft ganz von selbst aus der natürlichen Fähigkeit hervorgeht. 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

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