Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 2

Wichtige Grundlagen zum Studium der Kampfkünste

Wenn heute Kampfkünste trainiert werden, wird meistens mit ausgeprägten, harten Muskeln vor den Menschen geprahlt und man ist der Meinung, dass dies das Merkmal eines Sportlers ist. Dabei merken sie gar nicht, dass diese extrem entwickelte Art sowohl nicht gut für die Gesundheit ist und auch sonst nichts bringt. Zudem wird von Physiologen davon abgeraten und bringt aus sportlicher Sicht überhaupt nichts.

 

 

 Ich habe in den letzen Jahren mehrmals in der Zeitung diesen Irrglauben kritisiert und obwohl es ein paar verständige Leute gab, die ihre Zustimmung ausdrückten, so sind doch die meisten ziemlich unwissend und bringen es fertig allgemeine Logik zu verdrehen. Und was wirklich zu verachten ist, wenn dann noch hintenrum schlecht über andere geredet wird. Doch letztendlich lassen sich solche Abneigungen wohl nicht vermeiden. Oft ist es so, dass diejenigen die eine besonderes Wissen mit sich tragen, etwas gutes für die Menschheit tun möchten, sowie sehr treue und äusserst begabte Menschen nur selten auch Anerkennung in der Gesellschaft finden. Das zeigt, wie tief das Niveau eigentlich schon gesunken ist. 

 

Wegen der Zukunft der Kampfkünste möchte ich mich deswegen nicht so konservativ verhalten. Möge man mir es verzeihen. Schaut man sich die historische Dimension der Kampfkünste an, so orientierte man sich ursprünglich an bestimmten Fähigkeiten von Tieren beim Kämpfen, ahmte ihre  Bewegung nach, versuchte die Idee dahinter zu verstehen und entwickelte es ständig weiter, bis man verstand alles äussere durch Ideen mit den Geisteskräften zu substituieren. So wurde diese Kunst erst langsam zusammengetragen. Was soll man da noch zu den heutigen Kampfkünstlern sagen, wo nicht mal mehr die äussere Form noch stimmig ist, geschweige denn, dass es gut für die Geisteskräfte und das Körperbewusstsein ist.

 

Dennoch hört man auch immer wieder den Spruch, dass es ’stockt wenn man mit Kraft benutzt, aber fliest, wenn man das Bewusstsein (Yi) benutzt’. Versucht man nun aber dem Sinn dahinter auf den Grund zu gehen, dann müssen die meisten doch wieder passen. Benutzt man nur Kraft (unkoordinierte), so stockt das Muskelzusammenspiel und das ganze Skelett wird nicht lebendig und koordiniert, was ausserdem auch nicht gut für die Gesundheit ist. Das ist klar. Wenn man das Problem nun aber auf den echten Kampf anwendet, so erschöpft sich die Kraft durch Krafteinsatz und mit Techniken kommt man auch schnell an seine Grenzen. Alle Techniken sind immer etwas begrenztes und im Laufe der Zeit von Menschen (künstlich) erschaffenes. Es ist keine Wissenschaft von der ursprünglichen Fähigkeit des Menschen. Dazu kommt noch, dass Geistes- und Körperkräfte nicht geeint werden und (echte) Kraft so nicht voll entfaltet werden kann. Ganz zu schweigen davon, sich die Kräfte des Universums zu Nutze zu machen. Denn die (sinnvolle Funktion der) Nervenleitbahnen ist so sehr von diesen fixen Ideen eingeschränkt, dass es so ist, als ob einem die Füße eingebunden wären und man kaum einen Schritt nach vorne machen kann. Ausserdem ist (angestrengter) Krafteinsatz nur eine andere Form von Widerstand. Widerstand entsteht aus Angst davor vom Gegner getroffen zu werden. Das ist im Prinzip nichts anderes als den Treffer des Gegners schon zu akzeptieren (bevor er überhaupt geschlagen hat). Da kann man doch gar nicht anders als nur getroffen werden! (Unkoordinierte) Kraft zu verwenden ist wahrlich ein großes Übel! 

 

Man muss verstehen, dass Kraft und Bewusstsein (Yi) aus einem Ursprung kommen und sich bedingen. Bewusstsein zu benutzen bedeutet Kraft zu benutzen. Bewusstsein ist nichts anderes als Kraft. Dennoch, es ist nicht die Kraft die aus der (starren) Muskelkontraktion an sich kommt die man als (echte) Kraft bezeichnet. Wenn nicht das Bewusstsein (Yi) die Wohlspannung (songhe) des gesamten Körpers koordiniert wird man nie zu einer natürlich freien Bewegung des sich Weitens und Zusammenziehens kommen, sowie einer angewandten/praktischen Entladung von lebendiger Kraft. Wenn man keine natürliche, lebendige Kraft hat, dann weiss ich auch nicht wo der Nutzen für die Gesundheit sowie für die Anwendung herkommen soll?

Mann muss verstehen, dass sich das Bewusstsein durch den Körper ausdrückt: Kraft folgt dem Bewusstsein (Yi); Bewusstsein (Yi) ist der Anführer der Kraft; und Kraft ist die Armee des Bewusstseins (Yi). Man sagt, das Bewusstsein ist gespannt aber die Kraft ist entspannt; Muskeln und Sehnen sind frei und lebendig; alle Zellenhärchen fliegen nach aussen und die Kraft tritt wie spitze scharfe Klingen in Erscheinung. Wenn nicht so, wie soll man sonst zu dem schönen Gefühl kommen welches sich aus dem (richtigen Nutzen) von Bewusstsein ergibt?

 

Diese Kampfkunst wurde vor 20 Jahren einmal Yiquan genannt. Ich habe das Zeichen Yi als Ausdruck für die gesamten Geisteskräfte hervorgehoben. Das heisst so viel wie, dass diese Kampfkunst großen Wert auf das konkrete Gefühl von Bewusstsein und Geisteskräften legt. Es war ursprünglich meine Hoffnung Menschen auf diesem Weg wach zu rütteln. Dass sie sich Gedanken über die Bedeutung (von Yi) machen und sich ihrer Fehler bewusst werden, um dann auf schnellstem Wege dem neu ausgerichteten Ziel entgegeneilen zu können. Doch wer hätte gedacht, dass sich die meisten Kampfkünstler so schwer tun die Bürde ihrer Ansichten abzulegen und umzukehren. Die meisten sind nicht gewillt in einer ruhigen Gemütsverfassung sich über die Problematik zu unterhalten, unnützes abzulegen und brauchbares aufzunehmen. Lieber klammern sie sich an ihre Ruinen und versuchen noch die letzten vom Verfall bedrohten Türme zu bewachen. Was soll man da noch machen!

So kam es dazu, dass mein Anliegen auf keine Resonanz gestossen ist. Leider. Aber so weit es in meinem Vermögen steht werde ich bestimmt nicht mit dem Strom schwimmen und die wahre Bedeutung des Weges der Kampfkünste dem Untergang preis geben. In dem Sinne werde ich eben immer wieder Mal meine Stimme erheben und hoffen, so die betäubten und lahmen Stellen wachzurütteln. Ich kann einfach nicht anders als diesen kleinen Funken von Ehrlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

 

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