Die zentrale Achse des Weges der Kampfkünste - Quandao zhongshu (Wang Xiangzhai) Teil 1

Ambitionen/Anliegen

Das Wesen (Dao) der Kampfkünste nimmt eine solch zentrale Bedeutung ein, dass es für die Bildung des Ethos eines Volkes eine Notwendigkeit darstellt; die Wurzel für das Verständnis und Erlernen von Handwerk ist; die Grundlage der Lebensphilosophie ist und das Rückgrat einer humanistischen Bildung darstellt. Das wesentliche der Bestimmung liegt darin, das Bewusstsein eines Menschen in richtiger Weise zu kultivieren; Gefühle/das Fühlen zum Ausdruck zu bringen; eine richtige Physiologie zu entwickeln; natürliche Fähigkeiten zu fördern; zu bewirken, dass der Übende geistig klar und scharfsinnig sowie körperlich gesund wird und so von Nutzen für sein Land und seine Mitmenschen ist. Daher wird nicht nur auf die kämpferischen Fähigkeiten Wert gelegt. 

 

Wenn diese Bestimmung zur Erfüllung kommt, erst dann kann man es Kampfkunst nennen.

Ansonsten ist es etwas abnormales. 

Eine abnormale Kampfkunst zu erlernen ist wie vergifteten Wein zu trinken. Der Schaden der daraus entsteht lässt sich kaum beschreiben.

Es ist mir immer ein großes Anliegen gewesen, mit dem was ich gelernt und erfahren habe auch anderen (in ihrem Leben) zu helfen und es stimmt mich traurig nur dazusitzen und nichts tun zu können.

So habe ich auf Grundlage meiner mehr als 40 jährigen Erfahrung des Kampfkunststudiums versucht, die wahre Bedeutung darin zu entdecken; diese mit wissenschaftlichen Prinzipien zu untermauern und durch das eigene Körperverständnis zu klären; Missstände zu beseitigen und verborgenes zu an’s Licht zu bringen; von Mangelhaftem zu lassen und Wert auf Stärken zu legen; verfälschtes abzulegen um das wahre zu bewahren: all dies habe ich versucht unter einem Nenner zu vereinen um es in seinem wahren Glanz erstrahlen zu lassen. 

So ist daraus nun eine ganz besondere Form der Kampfkunst entstanden. Unter meinen Freunden sind viele die sich darin üben und es als äusserst angenehm und beglückend empfinden. Deswegen gaben ihr viele den Namen „Große/Wahre  Vollendung“. Eigentlich wollte ich diesen Namen nicht, aber keiner hörte darauf. Deswegen habe  ich es einfach dem Lauf der Dinge überlassen.

 

Das, worauf es bei dieser Kampfkunst nun ankommt, ist den Sinn der Sache zu begreifen; das Gefühl für eine Idee zu entwickeln und eine natürliche Form von Kraft zu entwickeln. Allgemein gesagt geht es darum, den Körper mit den natürlichen Kräften um uns herum zu koordinieren. Im speziellen bedeutet das, auf Grundlage der Prinzipien der Kräfte des Universums, einen runden Geist mit flächiger Kraft sowie einen runden/Form mit geradliniger Kraft zu kultivieren. 

Leere und Fülle sind dabei unbedingt und offen und es entwickeln sich natürliche Fähigkeiten die in einer lebendigen sensorisch-motorischen Intelligenz gründen.Theoretisch sind so alle Formen von Kraft darin enthalten. Praktisch gesehen bedeutet es, dass intuitiv das gemacht wird was die Umstände erfordern.Andere Kampfkunstrichtungen sind damit prinzipiell nicht zu vergleichen, da sie hauptsächlich wert auf Techniken, Formen und unkultivierte Kraft legen.Tatsächlich kommt es bei den meisten Kampfkunstrichtungen die hauptsächlich Wert auf Formen und Techniken legen, zur Entwicklung von ziemlich komplexen und abnormal deformierten Formen.Noch viel schlimmer sind diejenigen die nur Wert darauflegen, durch alle möglichen Formen von extremen Training nur reine Muskelkraft aufzubauen.

Sie haben es falsch beigebracht bekommen, geben es falsch weiter und sind obendrein auch noch sehr Stolz auf ihre Methoden. Dabei ist ihnen gar nicht klar wie sehr diese Form des Sports ihrem Leben schadet. Nerven, Gliedmaßen, Lunge sowie Sehnen und Muskeln werden dadurch verletzt und degenerieren. Wie kann man sich da noch der Meinung sein, den Sinn der Kampfkünste zu vollenden und sie ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen?

Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass diese Form der Kampfkunst das höchste ist was es gibt, so bin ich angesichts dessen was es gegenwärtig gibt und in der Vergangenheit gab doch der Meinung, dass es etwas einzigartiges ist. Wissen und Fertigkeiten sollten eigentlich von Generation zu Generation immer weiter verfeinert werden. Ansonsten ist etwas falsch und man sollte sich die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz stellen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass durch das Studium der Kampfkünste sowohl die Nervenleitbahnen als auch die Glieder trainiert werden und es erst so von Nutzen für die Intelligenz des Menschen ist. Vor allem werden Muskeln und Sehen auf sanfte Weise trainiert, das Blut wird genährt und darüber hinaus wird der Atem frei und die Lungen gekräftigt. Auf diese Weise wird die natürliche Kraft des Menschen immer mehr trainiert und  man entwickelt die Fähigkeit sofort bei Berührung seine Kraft zu entladen.

 

Auf das wesentliche des Kampfes und Grundprinzipien des Trainings angeht werde ich dann im eigentlichen Text näher darauf eingehen und nicht an dieser Stelle.

Dennoch muss gesagt werden, dass dieser Text ursprünglich eigentlich nur privat für gleichgesinnte zum besseren Studium der Kampfkünste gedacht war und nicht als Text zur Veröffentlichung vorgesehen war. Doch da ich nun schon recht alt bin und von allen sehr darauf gedrängt werde, komme ich nicht darum etwas wie Spuren einer Wildgans im Schneematsch als Wegmarkierung zu hinterlassen. So habe ich nun das was ich so im Laufe meines Lebens angesammelt habe als Referenz zusammengeschrieben. So kann in Zukunft jeder diesen Text zur Hand nehmen und so vielleicht etwas leichter zu einem richtigen Verständnis kommen. Es ist mir schon immer wichtig gewesen für Neues offen zu sein. So wäre ich sehr dankbar darüber, wenn kompetente Leute mich auf Mängel in dieser Kampfkunst hinweisen würden, oder vielleicht sogar bereit sind mich hierin zu unterrichten. Denn Fortschritte kann man nur machen wenn man lernt seine eigenen Begrenztheiten durch die Hilfe anderer zu erkennen und so gemeinsam voranzukommen. 

 

Es ist mir ein Anliegen an alle die von mir lernen und gelernt haben, bescheiden und offen zu sein. Einerseits bei Problemen möglichst nachzufragen und andererseits mit vollem Einsatz versuchen die Dinge umzusetzen. Und wenn man zu neuen Erkenntnissen gekommen ist, freue ich mich über diese gemeinsam zu diskutieren, um so immer weiter zu den Tiefen der Kampfkünste vorzudringen. Ich erhoffe mir auf diesem Wege einen Nutzen für die Gesellschaft beizusteuern und die Qualität der allgemeinen sportlichen Betätigungen/Breitensports zu erhöhen. Denn es wäre nutzlos, wenn die Menschen keinen Nutzen daraus ziehen könnten. Sollte es zu keiner qualitativen Verbesserung in dieser Hinsicht kommen, dann liegt das zuerst an der Einstellung Unsereins oder daran, dass die Bemühungen nicht den Erfordernissen entsprechen. 

 

Wissen und Handwerk gehört stets der ganzen Menschheit. Wer wäre ich da einfach nur alles für mich zu behalten? So habe ich mich trotz meiner Unfähigkeit entschlossen diesen Text niederzuschreiben. Meine Schriftstellerischen Fähigkeiten sind jedoch sehr begrenzt. So ist es mir nicht möglich die Feinheiten dieser Kampfkunst im vollen Umfang hier zu erläutern, sondern es soll in erster Linie ein Grundgerüst darstellen. Es ist einfach zu komplex hier alles in voller Tiefe auszubreiten um das was mir auf dem Herzen liegt umfassend darzustellen. Es ist somit dem Leser überlassen sich aus den Ansätzen hier selbst einen Reim zu machen.

 

Zu guter letzt ist es für mich unausweichlich gewesen manchmal etwas scharfe Töne zu verwenden, da mir die Kampfkünste einfach zu sehr am Herzen liegen und ich deshalb vielleicht manchmal etwas emotional reagiere oder ungehalten erscheine. Doch es wird Menschen geben die mich durch diesen Text verstehen und es wird Menschen geben, die mich aufgrund dieses Textes verurteilen werden. 

Möge es jeder für sich halten wie es ihm beliebt/ für richtig erscheint.

 

(Übersetzung direkt aus dem chinesischen Original von Benjamin Witt.

Bei Verwendung bitte Quellenangabe mit Verweis auf diese Seite. Vielen Dank. 

Benjamin Witt)

 

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