Das hintere Bein im Xingyi: nur eine Stilfrage? Oder grundlegendes Problem?

Nur eine Stilfrage? Oder grundlegendes Problem?

Ich möchte in diesem Artikel gerne das gewohnheitsmässige hinterherziehen des hinteren Fusses im Moment des Schlagens thematisieren. Auch wenn ich es nicht als absoluten Fehler bezeichnen möchte, so ist es doch ein sehr wichtiges Detail und sollte meiner Meinung nach von Beginn an eigentlich erstmal nicht so unterrichtet werden. Hat man die Wichtigkeit davon erstmal durch langes korrektes Basistraining verinnerlicht, kann man das ganze dann zwar auch wieder relativieren, aber gewisse Grundgesetzte bleiben bestehen:

 

  • das hintere Bein bildet die Kraftachse zwischen Oben und Unten und gibt die nötige Stabilität für den Moment des Schlages (oft nur der Bruchteil einer Sekunde). 
  • Auch im Xingyi Klassiker gibt es den Satz "Alle Information kommt vom hinteren Fuss". D.h. die Information um einen Schlag wirkungsvoll zu entladen hängt vom hinteren Fuss ab.
  • Das zentrale Basistraining in den meisten Linien heute ist Santi. Santi wird mit dem Gewicht auf dem hinteren Bein trainiert, um eben die Kraftachse für den Moment der Kraftentladung beim Schlag zu entwickeln.
  • Bleibt das Gewicht hinten, bin ich stets offen und bereit für weitere Richtungswechsel. Wenn man dagegen, wie heute im Xingyi durchweg praktiziert, auf das vordere Bein springt, hat man im gefährlichsten Moment wo man in die Gefahrenzone des Gegners eintritt kurz einen toten Punkt wo man schwerfällig ist für Richtungswechsel.

 

Auch wenn es verschiedene Linien im Xingyi gibt, so glaube ich nicht, dass dieses Detail nur eine Stilfrage ist. 

 

Ab 14.20 (einfach ein paar Minuten weiter schauen) sieht man sehr schön, wie Zhao Yongchang den Fuss stehen lässt, seine Schüler es aber einfach wiederholt anders machen. Wenn es dem Lehrer egal ist oder einfach kein Wert mehr darauf gelegt wird, oder vielleicht einfach unbewusst nicht mehr wahrgenommen wird, schleichen sich so langsam Fehler ein, die sich dann von Generation zu Generation weiter vererben und dann irgendwann als ganz normal und richtig gesehen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=nIyGGpDPpOo

 

In diesem Video sieht man sehr schön wie Zhao Yongchang es bei den selben Bewegungen auch mal so und mal so macht, bzw der Fuss manchmal nur ein wenig mitgeht, manchmal gar nicht und dann wieder sehr „flaxig“ hinterhergezogen wird. Ich halte das nicht für zwei Versionen sondern einfach für eine gewisse Unbewußtheit und Ungenauigkeit. Wahrscheinlich hat er seinen Lehrer aufmerksam studiert, aber den Sinn und die Wichtigkeit dahinter nicht wirklich verstanden. So erklärt sich eine gewisse Unbeständigkeit. Oft ist man dann noch vor der Kamera etwas abgelenkt und schon kommen die Unsauberheiten zum Vorschein.

https://youtu.be/tsUd5lqk2w4

 

Bei seinem Sohn Zhao Chuanhui kann man diese kleine unstetige Unsauberheit auch sehr klar sehen.

Trotzdem ist es echt tolles Xingyi. Meiner Meinung nach das beste was ich an Videos über Xingyi bisher im Netz so gesehen habe.

 https://youtu.be/FHQctstjhgI?list=PL...qjPgIXu_a8oTLH

 

Schaut man sich jetzt den sehr prominenten und allseits respektierten Vertreter des modernen Xingyi Di Guoyong an, dann ist das hinterherziehen des hinteren Fusses schon ganz zur Gewohnheit geworden und wird auch als die richtige Ausführung so unterrichtet (ich hatte vor vielen Jahren selbst kurz Unterricht bei ihm) 

Ab 7:30 beginnt die Erklärung der 5 Elemente mit pi-quan.

https://youtu.be/4M0EgzJ8beU?t=468

 

Wie gesagt halte ich diese Detail nicht einfach nur für einen Stilunterschied zwischen Hebei- und Shanxi-Xingyi, sondern für eine schleichende Ungenauigkeit in der Übermittlung. Im Yiquan aus der Überlieferung die ich gelernt habe wird auf dieses Detail sehr großen Wert gelegt. Und Wangs Yiquan ist zweifelsfrei die Hebei Tradition des Xingyi von Guo Yunshen.

 

Warum es dazu gekommen ist denke ich gibt es wohl vor allem zwei wichtige Faktoren:

1. Es wurde nicht jeder voll unterrichtet. Sondern es gab vor allem früher immer nur einen sehr kleinen Kreis, bei dem sehr genau und detailliert unterrichtet wurde. Wer dort nicht reinkam, wurde eben meistens mit Formen und nachmachen abgespeist. Dort konnte sich kaum ein umfassendes Verständnis entwickeln.

2. Die Gesellschaft und die Traditionen wurden mit dem Niedergang der Qing-Dynastie und den radikalen Reformen stark erschüttert. Dazu kamen innere Machtkämpfe und später die japanische Besatzung. Ab Mitte der 60er Jahre wurde es in China dann wieder sehr unruhig bis Ende der 70er Jahre. Man kann sagen es war ein ganzes Jahrhundert in der die chinesische Gesellschaft und das Wertesystem mehrmals komplett auf den Kopf gestellt wurde. Obwohl sich die Gesellschaft seit den 80 Jahren wieder sehr beruhigt hat, sind mit der Modernisierung und Öffnung Chinas plötzlich wieder ganz andere Wertmaßstäbe wichtig geworden.

 

Diese beiden Faktoren führten wohl dazu, dass wirklich kompetente Lehrer (oft sind gute Kämpfer nicht immer unbedingt auch didaktisch und vom Verständnis die besten Lehrer) sehr rar waren. Praktizierende gab es viele. Aber die meisten werden wohl nicht die Zeit, Möglichkeit und das Glück gehabt haben wirklich voll und umfassend unterrichtet worden zu sein. 

Nun hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts die Gesellschaft wie gesagt tiefgreifend verändert. Kampfkunst ist nicht mehr ein Handwerk das wegen seiner Effektivität gefragt war und Scharlatane automatisch ausgesiebt worden sind. Heute wird die traditionelle Kampfkunst hauptsächlich als Kulturgut gepflegt und muss sich nicht mehr in der Realität beweisen. Vor allem in der Kulturrenaissance in den letzten 20-30 Jahren haben sich dann wieder viele auf ihre Familientradition, ihren Vater oder Großvater, besonnen und hatten wohl teilweise auch noch Unterricht bekommen. Aber alles war sehr lückenhaft und durch die Kulturrevolution hatten viele das Training komplett an den Nagel gehängt. Nun war es plötzlich wieder gefragt und man konnte sogar zu Ansehen und Geld damit kommen. Das verlockte viele sich über die Familientradition oder einen berühmten Lehrer zu legitimieren und öffentlich als Meister und Linienhalter aufzutreten. Dieses Phänomen wäre vor 100 Jahren gar nicht denkbar gewesen. Heute muss sich niemand beweisen, bzw. behaupten und wird durch eine gewisse Liberalität in der Gesellschaft geschützt in seinem Tun. Das ist zumindest ein Aspekt warum die traditionellen Kampfkünste in China heute so sind wie sie sind.Wie eingangs gesagt, bin ich der Meinung, dass Zhao Yongchang und das Videomaterial was wir von ihm und seinem Sohn haben eine gewisse Schlüsselposition hat wo man diesen Wandel sehr gut daran ablesen kann. 

 

Zum Schluss noch ein Video von Song Guanghua. Er ist ein Enkel von Song Shirong (zusammen mit Guo Yunshen, Liu Qilan und Che Yizhai einer der vier großen Schüler von Li Luoneng). Sein Vater und Lehrer ist Song Tielin, Sohn von Song Shirong. Song Guanghua und Zhao Yongchang lernten beide bei Song Tielin, waren also direkte Gongfu-Brüder. Obwohl es bei Song Guanghua sogar der Familienstil ist, sind Mängel und Unsauberheiten bei ihm sehr offensichtlich und die Ausführung seines Xingyi ist meiner Meinung nach um Welten schlechter als von Zhao Yongchang. Ich finde auch ein sehr gutes Indiz dafür, dass es nicht an der Hebei Shanxi Überlieferung liegt.

https://youtu.be/bRH-sRyNXGI?t=32 

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Kommentare: 2
  • #1

    wing chun im allgäu - mu shan kwoon (Dienstag, 17 Januar 2017 15:30)

    ....und vielleicht auch nur, daß hier mal jemand was reinschreibt - trostlos, ein leerer blog :)
    zunächst:
    sehr schöne seite, fundiert und detailliert - schön, so etwas im allgäu zu haben :) glückwunsch

    ich weiß nichts zu deinem stil, aber praktiziere immerhin auch einen chinesischen stil (der leider durch fragwürdiges geschäftsgebaren inzwischen im mißkredit geraten ist, zu unrecht, wie ich finde)

    zu deinen ausführungen:

    beim schlagen im stand gibt es keinen grund, dass hintere bein vorzuziehen, im gegenteil - aus meiner sicht einige gründe , es nicht zu tun - das hintere bein, wie von dir erwähnt, als stabile achse, da ja keine distanz mehr überbrückt werden muss (allerdings natürlich auch belastung auf dem vorderen, je nach situation bis zu gleichwertig)
    beim schlagen im stand ist die stabile struktur zur kraftübertragung über die gelenke, inklusive rotation in der achse, das a und o - da brauch ich gewicht auf dem boden

    anders aber wäre die absicht in der schlagdistanz nicht nur zu schlagen, sondern im korrekten winkel gleichzeitig druck auf die struktur des anderen auszuüben - dafür benötige ich, um druck aufzubauen, eine zumindest minimale vorwärtsbewegung - dafür muss ich beide beine bewegen
    (pfeil und bogen) - also auch das hintere

    vereinfacht könnte man sagen - je mehr gewicht auf dem hinteren bein in aktion, desto stabiler die struktur, aber desto beeinträchtigter der schnelle postions/standwechsel/schritt

    natürlich haben wir dann noch nicht über tritte gesprochen...dann muss das thema belastung der beine wieder ganz anders betrachtet werden....

    wie auch immer, nochmals gratulation zur schönen seite und viel erfolg mit deinen plänen

    liebe grüß
    karmo

  • #2

    Benjamin Witt (Dienstag, 17 Januar 2017 15:49)

    Hallo Karmo,

    Danke für den ersten Eintrag von Dir. Ich freue mich immer über netten und offenen Austausch. Hättest du Lust sich mal zu treffen und kennenzulernen? Du bist ja auch rigendwo hier im Allgäu wenn ich das richtig sehe? Schreib mir doch via email.

    Grüße

    Benjamin