Wollte Wang Xiangzhai mit dem Yiquan einen neuen Stil begründen

Gedanken zur Entwicklung vom Xinyiquan zu Xingyiquan zu Yiquan

Für die meisten wird sich diese Frage wohl gar nicht stellen, da Yiquan in der öffentlichen Wahrnehmung heute eigentlich eine mehr oder weniger eigenständige Kampfkunst darstellt. Wenn man sich diese Frage aber etwas genauer anschaut wird man merken, dass die heutige Tatsache dieser Problematik eigentlich nicht ganz gerecht wird. 

Wang Xiangzhai sah sich als Teil der alten Tradition des Xinyiquan/Xinyiba und Xingyiquan. Er wollte diese Tradition eigentlich von dem ganzen Dickicht der Geschichte befreien und wieder zurück an den Ursprung dieser Tradition führen. Dabei hat er Dinge öffentlich gemacht, die so zuvor nicht in der Öffentlichkeit unterrichtet wurden. Die Kritik und die Widerstände, der Wang Xiangzhai und das Yiquan bis heute immer wieder ausgesetzt sind, ist meiner Meinung nichts anderes als ein Spiegel des grossen historischen Kontextes mit dem Niedergang der letzten Kaiserdynastie und der Modernisierung und Öffnung des Landes. Es war eine große Zeit des Umbruchs und es war der Zeitgeist kritisch und offen zu reden. Die Kampfkünste dagegen waren, und sind bis heute, ein sehr konservatives Lager. Trotzdem hatte Wang Xiangzhai auch sehr namhafte Unterstützer unter den Schülern Guo Yunshens. 

 

 

Begriffsklärung

Zunächst möchte ich einmal die grundlegenden Begriffe xin (心) xing (形) yi (意) und quan (拳) aus den Namen Xin-yi-quan (心意拳), Xing-yi-quan (形意拳) und Yiquan (意拳) klären. Denn im Namen stecken oft schon wesentliche Aussagen über das was benannt werden soll. Dadurch können wir uns vielleicht verständlich machen, warum es sich bei allen drei Kampfkünsten eigentlich dem Wesen nach um eine Kampfkunst und eine Tradition handelt, die sich lediglich im Laufe der Zeit anders ausgedrückt hat. So wie sich eine Sprache abschleift und wandelt, bleibt sie aber immer noch dieselbe Sprache. Die Wurzeln sind auch über lange Zeit unverändert. 

 

Xin bedeutet Herz und wird im weiteren Sinne als Bewusstsein bezeichnet. Es ist die Funktion im Menschen, die als innerstes Prinzip alles was an Informationen durch die Sinne hereinkommt wahrnimmt. Durch die Sinne ist es mit der Aussenwelt verbunden. Verschiedene Funktionen und Regungen des Herzens werden dann wiederum mit anderen Begriffen bezeichnet. Eine Funktion davon ist Yi.

 

Yi setzt sich zusammen aus dem Zeichen für Herz unten und darüber das Zeichen für Ton, Klang. Direkt gesagt ist Yi ist also der „Klang“ der aus dem Herzen hervorgeht. Im weiteren Sinne ist Yi die Funktion des Bewusstseins, welche allen Reizeinflüssen von Aussen Bedeutung gibt und bewusste, absichtsvolle Handlungen veranlasst. Wenn etwas intuitiv, unbewusst, einfach nur als Reflex geschieht, dann sagt man ‚es ist ohne Yi‘. 

Yi wird im Wörterbuch meistens mit ‚Bedeutung’, ‚Sinn’, ‚Absicht‘ oder ‚Geist‘ angegeben. Nach langer Suche, vor allem in Hinsicht auf das Verständnis und die Funktion von Yi in den Kampfkünsten, bin ich auf die Begriffe „Idee“ und „Sinn“ gestossen, die eigentlich sehr schön das weite Bedeutungsspektrum von Yi abdecken. 

Im Etymologischen Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer) steht über die Bedeutung von Idee u.a.: Urbild, Gedanke, Erscheinung; sehen, erblicken, zu erfahren suchen; geistige, gedankliche Vorstellung, Gedanke; nur vorgestellt, gedacht, nicht wirklich; Absicht, Plan; Grundgedanke, Leitgedanke. 

In dem Wort Sinn steckt sehr schön die Doppelbedeutung von Sinn/Bedeutung und die Sinnesorgane drin. Das Herz/Bewusstsein, braucht die Sinne um wahrzunehmen. Das Sinnen, seine Gesinnung, Ideen, Absichten usw. zum Ausdruck zu bringen ist dann die Funktion des Yi. 

 

Quan (ba) bedeutet Faust (ba: etwas packen, greifen). Es bezeichnet im Gegensatz zu Xin und Yi das konkrete. Das wodurch Xin und Yi ausgedrückt werden. Somit steht Quan stellvertretend für die Kampfkunst an sich. 

 

Xing bedeutet Form. In der chinesischen Sprache können Nomen aber durch entsprechende Stellung auch verbisch gebraucht werden. Wenn es z.B. einem anderen Nomen vorangestellt ist, kann es das nachfolgende Nomen verbisch beschreiben. Das ist vor allem im klassischen Chinesisch ein sehr weit verbreitetes Phänomen.

 

Die Tradition

Xingyiquan wird meines Wissens nach durchwegs als Form-Geist-Boxen (Mind-Form-Boxing) übersetzt. Interessanterweise hat sich diese Interpretation auch im chinesischen durchgesetzt. Vom klassischen chinesischen Sprachgefühl her kommend drängt sich aber geradezu die verbische Lesart auf. Es würde dann bedeuteten: dem geist durch Boxen Form verleihen. Oder besser gesagt: Idee durch Boxen/Kampfkunst zum Ausdruck zu bringen. 

Eigentlich ist das ‚zum Ausdruck bringen‘ schon implizit im Zeichen quan und ba enthalten. Meine Vermutung wäre, dass der Grund warum Li Luoneng Xinyiquan in Xingyiquan umbenannte, diese Idee explizit machen wollte. Xin und Yi gehören von ihrer Funktion her gesehen zwar untrennbar zueinander, sind sich aber doch sehr ähnlich. Die verbische Lesart von Xingyiquan würde daher schon Sinn machen und bringt einen zentralen Aspekt des Kampfkunsttrainings zum Ausdruck. Von daher ist die Änderung die Li Luoneng vorgenommen hat logisch nachvollziehbar, macht Sinn und ist auch sehr originell. 

 

Xinyiquan bedeutet nun ganz einfach sein Bewusstsein (Xin) durch sinnvolle Ideen (Yi) unter dem Aspekt der Kampfkunst (quan) zum Ausdruck zu bringen (implizit in quan enthalten).

 

Wenn man Xingyiquan so versteht, ist es vom Wesen her nicht eine neue Kampfkunst die aus dem Xinyiquan hervorgegangen ist, sondern ist tief und fest im Geiste des Xinyiquan verwurzelt (welches wiederum eigentlich nicht ein Stil ist der plötzlich in der Geschichte aus dem Nichts auftaucht, sondern wiederum jeweils den akkumulierten Erfahrungsschatz vieler Generationen widerspiegelt).

So wie sich Sprachen im Laufe der Zeit abschleifen ist leider mit der Zeit auch das Gefühl und Verständnis für das Wesen dieser Tradition verlorengegangen. 

 

Schlussfolgerung

Meine Hypothese ist, dass Wang Xiangzhai mit der Namensgebung des Yiquan nicht etwas Neues bringen wollte, sondern ganz im Sinne Li Luonengs über die Benennung auf etwas wesentliches in der Kampfkunst und der Tradition hinweisen wollte. In seinem Artikel Quandao Zhongshu (Wesentliche Darlegungen über das Yiquan, bzw. Central pivot of the way of the fist) schreibt Wang Xiangzhai über seine Gedanken zum Yiquan:

 

„Diese Kampfkunst wurde vor 20 Jahren einmal Yiquan genannt. Ich habe das Zeichen Yi als Ausdruck für die gesamten Geisteskräfte hervorgehoben. Das heisst so viel wie, dass diese Kampfkunst großen Wert auf das konkrete Gefühl von Bewusstsein und Geisteskräften legt. Es war ursprünglich meine Hoffnung Menschen auf diesem Weg wach zu rütteln. Dass sie sich Gedanken über die Bedeutung (von Yi) machen und sich ihrer Fehler bewusst werden, um dann auf schnellstem Wege dem neu ausgerichteten Ziel entgegeneilen zu können. Doch wer hätte gedacht, dass sich die meisten Kampfkünstler so schwer tun die Bürde ihrer Ansichten abzulegen und umzukehren. Die meisten sind nicht gewillt in einer ruhigen Gemütsverfassung sich über die Problematik zu unterhalten, unnützes abzulegen und brauchbares aufzunehmen. Lieber klammern sie sich an ihre Ruinen und versuchen noch die letzten vom Verfall bedrohten Türme zu bewachen. Was soll man da noch machen! So kam es dazu, dass mein Anliegen auf keine Resonanz gestossen ist. Leider. Aber so weit es in meinem Vermögen steht werde ich bestimmt nicht mit dem Strom schwimmen und die wahre Bedeutung des Weges der Kampfkünste dem Untergang preis geben. In dem Sinne werde ich eben immer wieder Mal meine Stimme erheben und hoffen, so ihre betäubten und lahmen Stellen wachzurütteln. Ich kann einfach nicht anders als diesen kleinen Funken von Ehrlichkeit zum Ausdruck zu bringen.“

 

Gedanken

Wenn uns die Worte von Wang Xiangzhai heute manchmal sehr scharf und überzogen anmuten, sollte man sich vielleicht einfach den historischen Kontext immer wieder vor Augen halten. Wang Xiangzhai Geltungssucht oder einfach nur opportunistische Motive hinter der „Gründung“ des Yiquan vorzuwerfen halte ich für sehr unbegründet. Ganz davon abgesehen sind die meisten Probleme und Kontroversen um das Yiquan und Wang eigentlich erst nach Wang Xiangzhais ableben aufgetreten. Vor allem seit den 80er Jahren und heute. Meiner Meinung nach hatte er ein genuines Anliegen die Tradition der Kampfkünste Stilübergreifend in eine Neue Zeit hinüber zu retten. Dafür öffnete er das konservative Stil und Schuldenken und machte den Nutzen der Kampfkünste auch einem breiten Laienpublikum zur Gesundheitsförderung zugänglich. 

Mit seinen eigenen Worten:

 

„Zu guter letzt ist es für mich unausweichlich gewesen manchmal etwas scharfe Töne zu verwenden, da mir die Kampfkünste einfach zu sehr am Herzen liegen und ich deshalb vielleicht manchmal etwas emotional reagiere oder ungehalten erscheine. Doch es wird Menschen geben die mich durch diesen Text verstehen und es wird Menschen geben, die mich aufgrund dieses Textes verurteilen werden. Möge es jeder für sich halten wie es ihm für richtig erscheint.“

 

Zum Schluss noch eine zeitlose Beschreibung Wang Xiangzhais über das Wesen, den Wert und die Bedeutung der Kampfkünste:

 

„Das Wesen (Dao) der Kampfkünste nimmt eine solch zentrale Bedeutung ein, dass es für die Bildung des Ethos eines Volkes eine Notwendigkeit darstellt; die Wurzel für das Verständnis und Erlernen von Handwerk ist; die Grundlage der Lebensphilosophie ist und das Rückgrat einer humanistischen Bildung darstellt. 

Was die Bestimmung angeht, so ist es wesentlich das Bewusstsein des Menschen richtig zu kultivieren; das Fühlen zum Ausdruck zu bringen; eine richtige Physiologie zu entwickeln; natürliche Fähigkeiten zu fördern; zu bewirken, dass der Übende geistig klar und scharfsinnig sowie körperlich gesund wird und so von Nutzen für sein Land und seine Mitmenschen ist. Daher wird nicht nur auf die kämpferischen Fähigkeiten Wert gelegt. 

Wenn diese Bestimmung zur Erfüllung kommt, erst dann kann man es Kampfkunst nennen.“

 

 

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